Archive for Oktober 2011

Himmugüegeli – unser gepunkteter Mitbewohner

29. Oktober 2011

Ich habe euch noch eine sehr süße Marienkäferchen-Geschichte zu erzählen.

Vergangenen Montag war meine liebe K. hier, meine Hospizbegleitung. (wenn Du mitliest, ich drück Dich ganz fest! :-)) Wir waren gemeinsam am Grab beim Löwen und da saß auf einer Blüte der Pflanzschale, die auf seinem Grab steht, ein Marienkäferchen, ein Himmugüegeli, wie man in der Schweiz dazu sagt (wie ich inzwischen gelernt habe). Ich hätte es wahrscheinlich übersehen, aber K. hat es erspäht. Es war dann weg, das Käferli, aber kurz drauf im Auto entdeckte sie ein (das?) Käferchen auf ihrer Jeans, am Knie, wieder.

Es flog an die Frontscheibe und zu Hause versuchte ich es zu retten und aus dem Auto raus, an die frische Luft zu setzen. Es fiel allerdings irgendwie runter und ich konnte es nicht mehr finden, wir gingen nach drinnen. Als K. eine ganze Weile später den Heimweg antreten wollte und ihre Schuhe anzog, entdeckte sie ein (das???) Marienkäferchen plötzlich in der Diele an der Wand. Es ist einfach verrückt. Seit vorgestern sitzt das Käferchen nun im Wohnzimmer in einer Ecke am Fenster, den Fliegendreck denkt ihr euch jetzt bitte einfach weg. *rotwerd*

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Morgen machen wir einen Ausflug und am Montag gehen der Löwenpapa und ich einen ganzen Tag in die Therme. Ich freue mich schon sehr darauf, denn mein Rücken bereitet mir gerade arge Probleme.

Der Löwe fehlt. Er fehlt sehr. Teilweise lebt man so Momente, da ist es im Hintergrund und man kann auch lachen. Ich denke aber so oft an ihn. Beim Aufwachen, ganz oft am Tag, abends beim zu Bett gehen. Würde man mich fragen, ob Mamas von einem Sternenkind lachen und sich freuen dürfen über irgendwas witziges, tolles, was weiß ich was, was eben gerade so passiert, würde ich sagen „na sicher“ und wäre verwundert, wie man das in Frage stellen kann. Würde mir für die Mama (oder auch den Papa) wünschen, dass er lacht, erst recht lacht und einfach nur lebt. Ich kann es mir aber irgendwie schwer zugestehen. Ich lache und denke mir bald, wie kannst Du Dich nur freuen, denke an den Löwen und bin einfach nur traurig und die Tränen laufen wieder. 😦

Ich weiß, ich darf lachen. Es ist gut, wenn ich lache. Aber es fällt mir schwer, wenn es mir bewußt wird.

Es grüßt euch mit einem Lächeln im Gesicht wegen des Himmugüegelis

die Löwenmama

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Glaubenskrieg

25. Oktober 2011

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Wenn ich an den dunklen Raum denke, die Tür steht nun sperrangelweit offen, hab ich gerade das Bedürfnis, mich für den Moment zu verkriechen. Die Tränen sitzen lockerer und ich fühl mich wie erschlagen von der Welt da draußen. Dabei fühl ich mich so leer, bin traurig, krieg irgendwie eh nix auf die Reihe.

Es ist so eine Tristesse. So eine Ohnmacht. Es ist einfach nur so höllisch gemein.

Mir fehlt der kleine Stinker so, so sehr.

Mein ganzer Glaube ist so ins Wanken gekommen. Einiges konnte ich sortieren, manches einfach noch gar nicht. An Gott glaube ich nicht mehr. Ich bin mir sehr sicher, dass es ihn nicht gibt. Es gibt noch einen Funken Unsicherheit, deswegen möchte ich mich demnächst ganz offiziell bei ihm entschuldigen. Aber er hätte ja die Möglichkeit, mir etwas anderes mit auf den Weg zu geben, tut es aber nicht. Deswegen werde ich ihm einfach den Rücken zukehren. Es ist keine Bockigkeit, sondern einfach Konsequenz. Warum an etwas glauben, das einem nichts gibt? Nein, es gibt mir nichts (mehr).

Aber der Mensch glaubt ja gern an was. Das fehlt mir jetzt etwas. Meine ganzen „das Leben danach“-Theorien kommen durcheinander, ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll, was mir gefällt, was mir jetzt eher nicht gefällt, was für mich stimmig ist. Ich bin schon sehr lange neugierig auf den Buddhismus, habe mich aber nie ausreichend damit auseinandergesetzt. Das ist jetzt etwas Thema für mich, schauen, was macht den Buddhismus aus. Es ist ein ganz anderes Denken, Leben. Ganz andere Ansichten. Ich befürchte aber, ich könnte nicht mal ein guter Buddhist sein. Kein guter Buddhist, kein Christ. Das muß noch in mir reifen…

Danke euch fürs Reinlesen. Danke auch für eure vielen lieben Kommentare. Ich lese alles, habe aber einfach nicht die Möglichkeit (ich bin überall und nirgendwo) zu antworten.

 

Viele Grüße

die Löwenmama

…vermisse Dich…

23. Oktober 2011

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In unserer Sanduhr fällt das letzte Korn.
Ich hab gewonnen und hab ebenso verlor’n.
Jedoch missen möcht ich nichts,
alles bleibt unser gedanklicher Besitz.
Und eine bleibende Erinnerung.
Zwischen Tag und Nacht legt sich die Dämmerung.

„Und wenn ein Lied“ von den Söhnen Mannheims

 

Gestern waren es vier Wochen, morgen ist es einen Monat her, dass der kleine Löwe gestorben ist. Die Zeit ist so verdammt schnell vergangen. Regelrecht verflogen. Wo ist sie hin?

Ich hab so viel zu sagen, soviel im Kopf und krieg es nicht raus. Ich fühl so viel und fühl mich gleichzeitig so taub. Die Welt ist weniger bunt, seit der kleine Muck nicht mehr da ist. Gerade die letzten Tage sind schwieriger als die davor. Wie eine Hand, die mein Herz quetscht. So fühlt es sich immer wieder an. Tränen bei der Gartenarbeit. Tränen beim Spazierengehen. Viele Tränen am Grab. Ich möchte dort am liebsten ganz laut seinen Namen schreien. Ich vermisse ihn so so so sehr.

So viele Dinge möchte man oft erledigen und zu nichts, nichts ist man in der Lage. Mein Kopf ist voller Kleinigkeiten, die zu tun sind. Es türmt sich, ich verliere den Überblick. Dafür kommen wir im Haus voran. Neues Schlafzimmer steht, das Zimmer meines Mädchens glich einem Schlachtfeld und nun lichtet es sich. Ich kann freudig vermelden: bis auf Staub und Boden wischen und nett einräumen ist es fertig. Ja und des Löwen Bollerwagen muß noch raus und hoch. Sein Bettchen, das meinem beigestellt war bleibt ja im Schlafzimmer, aber der Bollerwagen kommt hoch.

Das hier im Haus ist wichtig. Es ändert sich hier gerade einiges und das ist gut. Umbruch auch hier. Etwas Neues machen. Raus aus dem alten Grau. Wenn nur nicht immer diese Lethargie wäre…Aber wenn man mal dran ist tut es unheimlich gut, es zu tun.

Wir sind zum Teil auch so viel unterwegs. Würde man mich fragen, was ich alles gemacht habe, wüßte ich es nicht mal. Nicht jede Fahrt ist sinnvoll. Mir fällt es nur auf, weil unser Anrufbeantworter ständig blinkt.

Vorgestern sind wir auf dem Friedhof einmal ein paar Reihen durchgelaufen. Mir war es schon lange ein Bedürfnis, das zu tun. Ich wollte wissen, wer dort alles liegt, ob dort auch andere Kinder sind. Mir sind die Tränen runtergelaufen. So viele Kinder. So viele Gräber, wo Mama, Papa und ein Kind liegen. Kleine Kinder, Babies, größere Kinder. Es ist so traurig. Warum spricht niemand darüber, warum hört man nie davon? ES SIND SO VIELE KINDER!!!

Der Löwenpapa hatte eine geniale Idee! Wir haben letzte Woche spontan gebucht und fliegen nächsten April für vier Tage nach London. Wir flüchten einfach mal ein bißchen als Paar und lassen die Kinder bei Oma und Opa. Wir freuen uns wie blöd, das Abenteuer ruft und ich habe eine Mission. Ich werde am Speakers Corner sprechen. Ich hab schon einiges im Kopf. Vielleicht geht es nicht viel um Morbus Krabbe. Aber es geht um meinen kleinen Stinker und um viele andere gestorbene Kinder. Sie haben ein Recht darauf, dass man über sie spricht. Und danach zünde ich für den kleinen Muck eine Kerze an…

Ich wollte noch vieles schreiben, aber wie zur Zeit so oft ist mein Hirn durcheinandergewürfelt. Unstrukturiert. Wie ätzend. Deswegen belass ich es einfach mal dabei.

Das Licht, die Kugel. Ihr erinnert euch? Mein Frauenforum. Ach, sie sieht so schön aus…

Es grüßt euch

die Löwenmama

 

Ü-Ei-Überraschung

17. Oktober 2011

Ich hab meinem Mädchen heut geholfen, das Plastikei eines Überraschungs-Ei’s zu öffnen. Und was lachte mich an, als der Deckel unten war? Das ist wirklich kaum zu glauben!! Seht selbst:

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Liebe Grüße

die Löwenmama

dumpfer *vermiss dich*-Schmerz

16. Oktober 2011

Heute war gefühlsmäßig ein richtig dummer Tag! Ich wachte heut morgen schon mit so einer tiefen Traurigkeit auf, die tiefer sitzt als Tränen locker werden.

Es zieht mich oft zum Grab, auch wenn ich dort nur wenige Minuten verweile. Aber ich werde unruhig und muß dorthin. Auch weil ich es nicht gern hab, wenn keine Kerze brennt. Nachts ohne Kerze geht gar nicht!!

Kleiner Löwe, mein kleiner Jo, Du fehlst!! Mein kleiner Stinker, ich vermisse Dich so sehr! Ach ich hätt Dich so gern hier bei mir. Das macht so keinen Spaß.

Am Freitag hab ich mit meiner lieben Mama sein Grab abgeräumt und gestaltet. War das was blödes. Es war so deutlich zu sehen, der feste Boden und der Rand, innen lockere Erde, wo der Aushub war. Wie eine Wunde im Boden, welche wir mit Graberde und Blumen und des Löwen Laternen und Kleinigkeiten, die sich inzwischen angesammelt haben, wie mit einem Pflaster verdeckt haben. Aber ich bin sehr froh, dass es jetzt gemacht ist. Ich weiß noch nicht, ich werde wahrscheinlich keine Bilder vom Grab bloggen, es ist mir zu intim.

Wir sind in einem normalen Leben noch nicht angekommen… Ich fühl mich leer, ein bißchen wie schiffbrüchig vielleicht. Deswegen lassen wir uns noch ein wenig treiben…

Grüße aus dem Tränenmeer

Die Löwenmama

Lebenszeichen

12. Oktober 2011

Lebenszeichen. Ich wollte eines hier hinterlassen.

Wir leben noch und ja, wir leben. Wir versuchen zumindest so etwas in der Art. Leider immer noch mit wenig Struktur, aber ich freue mich, wenn ich einen Tag gut rumgebracht habe und auch was „Geschafftes“ dabei war. Teilweise gelingt das auch nicht, aber darauf sei getrost geschissen.

Ja, ich mach mir gerade immer am Wochenende einen Zettel wo von Montag bis Freitag jeder einzeln aufgeführt ist und da steht in Stichpunkten, was ansteht, damit ich nichts vergesse. Es ist nämlich so, dass ich die Woche irgendwo noch als ziemlich frei im Kopf habe, weil ich locker die Hälfte schon wieder vergessen habe. Und dieses „ah, da war ja noch dieses oder jenes“ passiert mir zu oft. Der Plan ist gut.

Ich habe angefangen, das Blog in Teilen rückwärts zu lesen. Mir ist aufgefallen, dass ich mich so oft gefragt habe, was ist „wenn dann“. Wenn dann ist jetzt da und diese Fragen kann ich mir jetzt beantworten. Es fühlt sich in irgendeiner Weise gut an, rückwärts zu lesen. Ich sehe vieles nun in einem anderen Licht. Geschriebenes kann auch sehr facettenreich sein.

Wir hatten die Tage viel zu lesen. Viele Karten waren in der Post. Es gab Tage, da haben wir sie für den nächsten Tag aufgehoben, weil wir keine mehr lesen wollten. Am nächsten haben wir uns sehr darüber gefreut. Es gab Tage, da hat bald ununterbrochen das Telefon geklingelt und manchmal sind wir nicht mehr hingegangen. An anderen Tagen haben wir uns über jeden Anruf gefreut und zurückgerufen, soweit wir nachverfolgen konnten, wer erfolglos, weil nicht da oder nicht zum Telefonieren in der Lage. Über Besuche haben wir uns immer gefreut. Viele liebe Gedanken, viele liebe Worte, viele liebe Menschen begleiten uns.

Die Tage waren durchwachsen. Keiner richtig schlecht, aber körperlich bin ich teilweise einfach etwas durchgehängt. Vorgestern hatte ich übelste Kopfschmerzen und ich hab seit einer kleinen Weile immer wieder unangenehme Magenschmerzen, Verdauungsprobleme, Kreuzschmerzen, bin sehr müde, schlafe schlecht, friere, der Kreislauf spinnt. Als irgendwie durcheinander. Sicher psychosomatisch, aber es ist ja da.

Mein Hausarzt hat eine Mutter-Kind-Kur angesprochen, aber ich vermute ganz stark, dass mein Großer streikt. Auch wegen der Schule hätte ich kein gutes Gefühl. Es gäbe zwar die Möglichkeit, dass er dort unterrichtet wird, aber das ist nicht dasselbe. Außerdem ist es genau die Struktur, die wir jetzt versuchen in unseren Alltag zu bringen, die er braucht. Struktur, Kontinuität, seine Freunde, seine Hobbies… da paßt keine Kur rein. Ich hätte nichts dagegeben gehabt und wäre schon gefahren. Ich finde es aber nicht schlimm. Ich nehme mir bewußt Auszeiten wie einen Mittagsschlaf oder laß den Haushalt liegen und mach was mit den Kindern, gehe raus und hab jetzt dann bald vor, einen Abstecher in die Therme zu machen für ein paar Stunden. Da kann ich auch tanken.

Der Löwe fehlt mir so. Ich besuche ihn jeden Tag mindestens ein Mal. Es nagt immer öfter an mir. Ich fang plötzlich recht unkontrolliert in doofen Situationen zum Heulen an, das finde ich irgendwie blöd. Am Freitag werde ich mich daran machen (müssen), das Grab abzuräumen. Die Blumengestecke von der Beerdigung sind noch drauf und sehen inzwischen wirklich scheußlich aus. Aber ich hab gar keinen Drive. Gleichzeitig treibt es mich um, dass es dort „so aussieht“. Ich möchte es gern schön und sauber machen.

Wir sind viel unterwegs, haben viel zu tun. Ich finde das eigentlich ganz gut. Hier ist gerade Jahrmarktswoche und ja, auch dort gehen wir hin. Wird aber nicht von allen verstanden und für gut befunden. Seis drum. Die Kinder waren dort sehr glücklich und hatten Spaß. Es gibt keinen guten Grund, wieso wir keinen Spaß haben sollten. Außerdem wollte ich dem Löwen eine Rose schießen. Die liegt jetzt unter seiner Laterne. Einen Jahrmarktbesuch hätte er unter anderen Umständen sehr toll gefunden. Wie soll ich ihm von dort was mitbringen, wenn ich nicht hingehe?

Vorgestern ist hier mal wieder etwas sehr seltsames, fast gruseliges passiert. Ich saß mit meinem Mädchen auf dem Schoß am Küchentisch und hörte ein bestimmtes Löwen-Lied ganz konzentriert. Plötzlich fiel mit einem furchtbar lauten Krachen das größte Messer aus dem Messerblock auf die Arbeitsfläche und auf den Fußboden. Was bin ich erschrocken. Mein erster Gedanke war, dass der Löwe mitbekommen hat, dass die Mami nicht genau weiß, wie sie die Marienkäferchen werten soll und dann schickt er ihr halt einfach was deutlicheres.

Ich war heute schon sehr tief berührt. Ich bin in einem sehr lieben Frauenforum. Sehr viele Frauen dort haben sich zusammen getan und für uns, respektiv für den Löwen, diese Leuchte anfertigen lassen. Ja, da steht der Name des Löwen drauf. Jetzt ist er doch geoutet. Aber diese Leuchte ist einfach so wunderwunderschön, dass ich sie hier unbedingt verewigen wollte. Es hat mich tief beeindruckt, es ist ein großer Geldbetrag gespendet worden, der nun an „unser“ Hospiz weitergeleitet werden wird. Ich und der Löwenpapa finden das einfach nur stark. Wir möchten uns auch auf diesem Wege sehr herzlich dafür bedanken. Auch für die vielen Karten von euch, ihr Lieben. Ich bin mit Lesen noch lange nicht durch. Das hat mich wirklich sehr, sehr tief berührt. Das muß erst noch sacken.

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Die Leuchte wird ihren Platz unter des Löwen Lieblingsapfelbaum bekommen im Sommer. Das ist perfekt!

 

Es grüßt euch

die Löwenmama

…ich vermisse nichts…

7. Oktober 2011

So fühle ich. …ich vermisse nichts… Und das ist es, was mir weh tut.

Ich dachte schon, mit mir stimmt was nicht. In immer sehr kurzen Momenten habe ich das Gefühl, als hätte ich einen winzigen Augenblick Zugang zu meinen Gefühlen. Wie wenn man einen wolkenverhangenen Himmel anschaut, der schon seit Tagen so ist und plötzlich dringt da ein kleiner Flecken hellblau durch und man weiß, dahinter ist noch mehr davon und schwupps ist die Wolkendecke auch schon dicht.

Am Grab kann ich weinen. Teilweise auch sehr arg. Da bricht so eine Hilflosigkeit über mich herein. Aber hier zu Hause weine ich teilweise gar nicht. Kein Zugang zu meinen Gefühlen.

Das schlimmste für mich ist, dass ich den Löwen nicht wirklich vermisse. Ich bin so weit weg von mir. Das fühlt sich richtig, richtig blöd an. Bilder von ihm stehen auf dem Küchentisch, seine Sachen liegen rum, aber ich habe kaum mehr ein Gefühl dafür, ein Baby gehabt zu haben. Der Löwe ist so weit weg. Ich bin von mir auch so weit weg. Und es ist so groß, es paßt noch immer nicht in meinen Kopf rein.

Ich vermisse kein Sondieren, kein Absaugen, keine Medikamente. Ich vermisse keinen Schleim, keine Temperaturschwankungen, keinen Pflegedienst. Keine durchwachten Nächte, die ich immer als viel zu kurz empfand.

Vielleicht kann ich deswegen den Löwen nicht richtig vermissen, weil das gerade ihn beherrscht hat. Es waren so viele Handgriffe zu tun, die mir oft zuwider waren. Also nicht der Handgriff an sich, ich hab jeden gern getan, sondern die Tätigkeit an sich.

Der Löwe, ganz ohne Sorgen, Ängste und diese medizinischen Interventionen ist so, so, so weit weg. Diese unbeschwerte Zeit war so wahnsinnig kurz. Das, was danach kam, so viel prägnanter.

Wenn ich auf dem ‚Spielplatz bin, sehe ich nicht mehr „ach der Löwe könnte das jetzt vermutlich auch schon, wenn…“. Ich erinnere mich, „Du hattest mal ein Baby, es wäre jetzt genauso alt“. Es fühlt sich bitter an, aber diese Vergleicherei findet gerade nicht statt. Es fühlt sich eher sehr dumpf an. Nicht mal ein richtiger Schmerz, sondern so ein dumpfes, nicht greifbares Gefühl.

Wenn ich Babies sehe in der Stadt, sehe ich sofort ein totes Baby. Vielleicht ist einfach noch so viel davor, vor diesen unbeschwerten Erinnerungen. Ach ich wünschte, sie wären einfach präsenter und der Rest würde in den Hintergrund treten.

Wenn ich an seinem Grab stehe und mit ihm spreche, wenn ich sein Bild auf dem Kreuz ansehe, dann fehlt mir der kleine Stinker so sehr. Sein Bettchen steht noch neben meinem. Ich dachte, wenn ich nachts aufwache, fasse ich instinktiv rüber, aber das ist nicht so. Vielleicht lauf ich doch nicht ganz rund.

Trauer ist vermutlich etwas sehr individuelles. Wer weiß schon im vorraus, wie man trauert?

Die Nächte sind zu lang. Ich schlafe schlecht. Kein erholsamer Schlaf. Ich bin sehr schreckhaft, oft plötzlich gehetzt und noch sehr angespannt. Zerstreut und unstrukturiert. Wir versuchen grad einfach jeden Tag so zu nehmen, wie er ist und was gutes draus zu machen. Meistens gelingt uns das.

Ich hab ein paar Alltagsengel, die hier mitlesen. Ich drück euch. Ihr seid echte Schätze.

Und ich bin gerade dabei, den ein oder anderen Brief aufzusetzen…

Es grüßt die

die Löwenmama

Sternenhimmel

3. Oktober 2011

Gestern haben wir den kleinen Löwen am Abend in der Dunkelheit besucht. Ich wollte mal sehen, wie es dort aussieht, wenn es dunkel ist. Wir hatten einen richtig schönen Sternenhimmel über uns, aber keiner leuchtete besonders hervor. Ich hatte irgendwie gehofft, dass einer besonders hervorsticht.

Dort zu stehen, macht mich so hilflos. Ich habe immer das Bedürfnis, dem Löwen etwas zu erzählen, ihm etwas mitzubringen. Aber es reicht nicht. Ich muß immer so weinen, wenn ich ihm erzähle, mich verabschiede, Gute Nacht wünsche.

Wir schlafen immer noch nicht gut. Traumlos, schwer. Richtig erholsam ist das nicht. Ich bin nachts oft wach, surfe mit dem IPhone im Internet. Es fällt mir schwer, durchzuschlafen. Mich einfach umzudrehen, wieder in den Schlaf zu finden.

Ich habe damit begonnen, im Haus zu räumen und zu putzen. Es tut mir gut. Ich habe kein schlechtes Gewissen dem Löwen gegenüber, Sachen zu verräumen. Den Dreck der vergangenen Monate wegzuputzen, ist wie den Mb. Krabbe aus meinem Haus zu vertreiben. Der Löwe gewinnt seine eigenen Ecken. Es ist schöner, seine Sachen gezielt hier und da zu verteilen, als „alten Kram“ einfach rumliegen zu lassen. Aber es fließen auch da Tränen. Heute morgen habe ich seine Anziehsachen in einen Karton geschlichtet. Sie werden bei uns im Schlafzimmer bleiben, wie sein Bettchen, seine Decken, ein kleiner Löwe, den wir behalten haben. Nur die großen haben ihn begleitet.

Der Löwenpapa ist heute auf dem Weg zu seinem neuen Studienort – 600 km weit weg während der Woche. Mich ärgert das ein wenig, dass wir immer wieder das Gefühl haben, dass von außen geurteilt wird, dass er das Studium fortsetzt. Wir haben immer wieder den Eindruck, dass man denkt, er läßt uns im Stich, ihm sei seine Karriere wichtiger. Das war schon im vergangenen Jahr so. Von außen sieht aber keiner, dass uns Strukturen gut tun. Das es weitergehen muß und mußte. Die Welt bleibt ja auch nicht stehen. Ich trage es mit. Ich ertrage es nicht, nein, ich trage es ganz bewußt mit. Wir haben uns gemeinsam zu diesem Weg entschieden.

Überhaupt haben wir das Gefühl, unser Umfeld ist verwundert darüber, dass wir nicht zusammenbrechen. Wundern sich vielleicht, warum wir Ausflüge machen. WIR MUSSTEN HIER RAUS! Wir wollten atmen, Luft holen, einfach hier für den Moment weg. Wir haben mit der Diagnose schon diese lähmende Ohnmacht, diese grausige Hoffnungslosigkeit gespürt und betrauert. Jetzt, wo der Löwe gestorben ist, ist es eine andere Traurigkeit. Ein Loch. Ein sehr stumpfer Schmerz. Eine große Leere, schal und dumpf. Diese Unerträglichkeit, diese grellen Gefühle erlebten wir mit der Diagnose, oder schon im Vorfeld, als wir uns damit auseinandersetzen mußten, dass der Löwe etwas haben könnte, wo man nichts dagegen tun kann. Wir sind auch noch so verdammt abgespalten von uns. Wir können die Gefühle nicht immer zulassen. Aber man spürt diese Verwunderung – von denen, die uns nicht ganz so nahestanden wie manch einer in der letzten Zeit – Verwunderung darüber, warum wir relativ nüchtern sprechen können. Aber ich verstehe, es ist auch sehr schwierig uns gegenüberzutreten. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Unser Motto: „Volle Kraft voraus!“

Grüße von

der Löwenmama

Marienkäferchenbesuch – die zweite

2. Oktober 2011

Gestern hatten wir wieder Marienkäferchenbesuch. Wir saßen auf einer Bank und haben der Kleinen und dem Großen beim Spielen am Spielplatz zugeschaut und plötzlich fragt der Löwenpapa, was er denn dort hinten im Nacken hätte. Und was sitzt da? Ein vorwitziger Marienkäfer. Er verweilte da ein bißchen und dann war er weg – aber nicht ganz. Er war unbemerkt in seinen Hemdkragen gekrabbelt und hat dort weiter gekitzelt. Ich nehm es jetzt einfach mal an und sage „wie schön“.

Der Ausflug gestern tat gut. Viel Luft, viel Freiheit, auch gedankliche. Aber der Löwe fehlt. Er fehlt so sehr. Wir besuchen ihn jeden Tag – ich muß immer noch so viel weinen. Andererseits wechselt das auch mit Phasen, wo ich nur schwer fühlen kann. Da fühlt es sich wie „ist ja gar nicht so schlimm“ an. Aber doch, es ist schlimm. Man kann es nur nicht gut fühlen, weil man so abgespalten ist.

Immer wieder habe ich plötzlich die Bilder von meinem sterbenden Löwen vor Augen. Ich hoffe so sehr, dass sie verblassen. Ich kann kaum was machen, die Bilder gehen dann einfach nicht weg. Der Film läuft, ohne Stopptaste.


Wir haben gestern noch versucht, hier etwas „klar Schiff“ zu machen. Die letzten Tage hat man zum Essen den Tisch abgeräumt und zum nächsten Essen wieder. Zwischendrin ist nichts passiert. Die Dreckwäsche stapelte sich und man mußte, wenn man auf Toilette wollte, drüberklettern. So war es in den ersten Tagen nach der Diagnose auch. Da gingen uns fast die Unterhosen aus.

Wir sind aber noch sehr unstrukturiert. Man fängt was an und wird nicht wirklich damit fertig. Das nervt.

Heute gehen wir ins Bauernhofmuseum. Apfeltag. Das ist ein Löwen-Tag, wo er doch so gerne unter seinem Apfelbaum lag…

Danke für eure sehr wertvollen Zeilen. Wirklich Danke!

Grüße aus dem Tränenmeer

die Löwenmama

Dem Himmel so nah

1. Oktober 2011

Heut geht`s in die Berge… dem Himmel so nah.

Mir ist heut morgen ein Gedanke gekommen. Würde ich an diese Zeichen nicht glauben, wäre jeder Versuch des Löwen, mir eines zu schicken, umsonst.

Also tu ich es einfach mal… viel mehr bleibt mir ja ohnehin nicht. Nicht zu glauben – an was auch immer – macht ziemlich hoffnungslos.

Grüße von

der Löwenmama