Posts Tagged ‘Wut’

Smalltalk

2. Juli 2012

Man überlebt ganz gut. Eigentlich ist alles ok so gut wie es sein kann.

Und dann kommt wieder so ein Moment. Dann passiert es. Eine Situation, die einen wieder völlig überfordert. Eigentlich einfach nur ein Stück des ganz normalen Lebens, das man vorher gelebt hat. Selbstverständlichkeiten, die nicht mehr selbstverständlich sind. Man rechnet gar nicht damit.

Und es fühlt sich an, als sei Johannes eben noch einmal gestorben.

Diese Hilflosigkeit ist wieder da. Diese Unerträglichkeit der Zeit. Sie scheint still zu stehen. Diese körperliche Unruhe treibt einen schon wieder um, die Gereiztheit ist zurück und es geht schon wieder nur darum, diesen einen verdammten Tag zu überleben um zu fühlen, ob der nächste Tag sich noch genauso unerträglich anfühlt oder ob es schon ein bißchen besser ist.

Man fühlt sich so zurückgeworfen. So unfähig am normalen Leben teilzunehmen. Ein bißchen außerirdisch vielleicht. Und man fragt sich: Wird es jemals anders? Kann man das irgendwann wieder?

Es war ein wunderschönes Sommerfest. Sehr mühe- und liebevoll vorbereitet von den Gastgebern. Viele Mensche, die man schätzt und gerne ein paar Worte mit ihnen wechselt. Lange nicht gesehen hat. Ein ganzer Haufen Kinder. Sonne. Lachen. Alles da, um glücklich zu sein.

Und da ist er, der verdammte Smalltalk. Und ich kann es so gut verstehen, so gut nachvollziehen. Respekt und Danke an die, die mit uns gesmalltalked haben.

Smalltalk ist sowas übliches. Und sowas leichtes. Und doch so schwer. Über was smalltalked der Mensch? Über die Arbeit, die Familie, Kinder!!, den Urlaub, irgendein x-beliebiges T’hema und vielleicht aus purer Verzweiflung noch das Wetter.

„Und, wie schmeckt das Arbeiten?“ „Wie geht`s voran am Bau?“ „Diese Hitze heute ist krass, ich hoffe, dass es kein Unwetter gibt während des Festes.“

Ein paar Mutige haben gefragt, wie es uns geht. Ich fürchte diese Frage inzwischen, wenn ich weiß, derjenige weiß eigentlich gar nicht, was bei uns los war. Hat nur mitbekommen, dass unser Johannes gestorben ist. Weiß nicht, woran. Weiß nicht, wie wo was. Vermutliches wird dieses Gespräch nicht über Smalltalk hinausgehen. Dafür taugt dieses so sensible Thema nicht. Also lügt man und sagt „gut“ oder „paßt schon“. Floskelt so vor sich hin.

Und ich für mich spürte, ich bin für solche Veranstaltungen (noch) nicht (mehr?!) gemacht. Zog mich zurück. Mied Blickkontakt. Mied Smalltalk. Denn für die Stolpersteine der anderen bin ich nicht bereit. „Ah, Deine Frau ist schwanger, ihr bekommt ja wieder ein Baby! Wißt ihr schon, was es wird?“ oder was in der Art.

Smalltalk ist mir ein Graus, aber ich verbuche ihn unter notwendiges Übel. Übergrenzwertig wurde es, als mein Mädchen mit den anderen Kindern zu spielen begann und ich dabei saß, um sie im Auge zu behalten. Es waren Kinder in Johannes Alter, also so alt wie er jetzt wäre, dabei. Als sie mit einem kleinen Mädchen spielte, konnte ich meine Tränen kaum verbergen. Ich kannte die Mutter des Kindes nicht und lächelte mehr gezwungen, antwortete zurückhaltend, stellte keine Gegenfragen. Klar, auch hier holt mich natürlich dieser dumme, dumme Smalltalk wieder ein. „Und, wie alt ist Deine Kleine?“ „Wie heißt sie denn?“ etc. pp

Ich hatte keine Lust zu fragen, wie ihre Kleine heißt. Und ich wollte auch nicht wissen, wie alt sie ist. Sie empfand mich sicher als unhöflich, arrogant, verschroben, oder einfach nur doof. Weil sie antwortete, obwohl ich nicht fragte und mit „ah, schön“, „aha“ antwortete und auch alle anderen Bemerkungen „ach, das hat sie von ihren größeren Geschwistern, sie ist das Kleinste“ ignorierte oder sehr kurz angebunden kommentierte.

In mir schrie es „ich will hier weeeeeeg!“ aber mein Mädchen kam der Aufforderung zu gehen, nur sehr zögerlich nach. Und ich fühlte mich auch schlecht deswegen, weil sie sich so freute, einen Spielkameraden zu haben. Und ich kann es so verstehen. Und dann soll sie aufhören zu spielen, weil Mama warum auch immer gehen will. Blöd.

Ich sehe Johannes dort statt des Kindes mit meinem Mädchen spielen. Aber Johannes ist tot. Johannes spielt nicht mit ihr. Das war aber der Plan. Und ich fühle mich fassungslos hilflos. Klage an. Kämpfe mit den Tränen. Spüre diesen körperlichen Schmerz als würde man mich schlagen, immer härter.

Und dann ist sie wieder da, diese Taubheit. Diese Unruhe. Die Unerträglichkeit. Die Zeit, die scheinbar still steht.

Und es fühlt sich an, als wäre er soeben noch einmal gestorben.

 

 

Bügelperlen haben etwas meditatives. Und sie sind herrlich bunt. Und schwupps, schon kam da was angehüpft…

Uploaded from the Photobucket iPhone App

Viele Grüße

die Löwenmama

 

Advertisements

Muttertag am Grab

13. Mai 2012

Uploaded from the Photobucket iPhone App

 

Es gibt keine Worte dafür was heute in mir vorging, als ich an Johannes Grab stand und weinte.

 

Es grüßt

die Löwenmama

 

„Mama, was ist gestorben?“ …

30. April 2012

„Mama, was ist gestorben?“ ‚“Gestorben ist, wenn man der Mami Marienkäferchen vom Himmel schickt um ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, statt Quatsch zu machen.“

Dieser Satz fiel mir letztens spontan ein, als ich draußen den Rasen mähte. Ich machte mir Gedanken darüber, was man wohl im Himmel so macht. Denn auch wenn ich nicht mehr an Gott glaube, denke ich immer noch, dass es sowas wie den Himmel gibt. Vielleicht so eine Art Ort wo man sich eine Weile aufhält und einfach ist, bevor man eine neue Aufgabe bekommt und die Seele ihre Flügel wieder weit aufspannt und in ein neues Zuhause, ein neues Leben fliegt.

Dann sitzt man im Himmel und hat so furchtbar viel zu tun. So furchtbar viel Spaß. Und Johannes hat viel nachzuholen, war doch sein letztes Leben ziemlich spaßfrei und anstrengend. Ab und zu schaut er mal zu mir runter oder manchmal bitte ich ihn darum, auf mich oder den Papi oder die Geschwister besonders gut aufzupassen. Manchmal klingle ich nach ihm mit meinem Engelrufer, aber nur wenn es ganz, ganz dringend ist. Und dann sieht er mich vielleicht weinen, spürt meine Verzweiflung. Und dann schickt er sie, die Marienkäferchen. So stell ich mir das vor.

Die letzte Zeit war ich so quirlig. Kaum zu Hause. Wirklich ständig auf Achse. Habe Überstunden noch und nöcher gemacht. Lauter Projekte begonnen. An allen Fronten gekämpft. Wenn ich Johannes besuchte, war er oft so weit weg. Ich konnte nicht gut zu ihm hinfühlen. Ich ließ mich vom Leben mitnehmen, ich lachte, hatte Spaß. Aber irgendwie war ich das nicht. Die Maske lacht. Die Maske scherzt, macht zu lustige, zu blöde Witze. Und unter der Maske ist es dunkel. So eine tiefe Traurigkeit hatte mich erfasst. Unterschwellig. Nicht greifbar. Aber dennoch da.

Gestern ist er dann geplatzt. Der Knoten. Wie eine Wunde, die schon länger vor sich hin laboriert und dann bricht alles auf und es eitert. Und mir war wieder einmal klar, dass diese Narbe vielleicht irgendwann einmal schon zuheilen wird. Aber sie wird weder schön, noch unsichtbar und sie wird immer irgendwie weh tun.

Gestern abend brach mal wieder alles aus mir heraus. Ich hab so geweint. Ich konnte schon lange nicht mehr so weinen. Vor kurzem mal bei Johannes am Grab. Da kam ich und noch ehe ich die Kerzen anzünden konnte, lief plötzlich ein ganzer Sturzbach an Tränen los. Aber es war mir peinlich. Ich wollte weder so verheult in den Kindergarten mein Mädchen abholen, noch so zum Arbeiten. Also drängte ich die Tränen zurück, schluckte sie hinunter.

Das Weinen gestern tat irgendwie gut. Der kleine Muck fehlt mir so sehr. Ich bin schon wieder so wütend, fühle mich vom Leben so ungerecht behandelt. Und ich fühle mich so hilflos, weil ich nichts, nicht, nichts an der Situation ändern kann. Trauer ist wie ein langer Tunnel und ich hab keine Ahnung, wann da Licht kommt.

Hier ein Bild aus London, das gut zu meinem Empfinden paßt. Dunkel, trist, nackt. Kalt und karg und tief unten.

Uploaded from the Photobucket iPhone App

Kürzlich bin ich Streife gefahren. Die Sonne hat so herrlich gescheint. Wir fuhren durch die Innenstadt und all die Mamis mit ihren Kindern in den Buggies rumlaufen zu sehen… wenn dann noch eine um die Ecke fuhr mit nem Kinderwagen und nem Geschwisterboard dran, wars vorbei. Ich könnte grad nicht mit meinen Kindern zum Bummeln gehen. Genau aus diesem Grund. Das geht (noch) nicht.

Ich habe angefangen, die Geschichte des Löwenbabies aufzuschreiben. In allen Facetten. ich hoffe, ich bekomme es fertig. Wünscht mir Glück und einen lange Atem. Geduld ist nicht meine Stärke. Aber ich hab das Gefühl, ich bin es mir und vor allem Jo schuldig.

Johannes Apfelbaum blüht. Er sieht richtig hübsch aus. Aber es tut mir in der Seele weh, das er ihn nicht mehr sieht. Wir nicht mehr drunter liegen können. Heute möchte ich noch mein Versprechen einlösen, das ich ihm letztes Jahr gegeben habe. Ich bring ihm ein paar blühende Zweige mit.

Es grüßt euch herzlich

die Löwenmama

Zauber-erde

30. März 2012

*Lebenszeichen setz*

Ich schreib hier gerade nicht so viel und ich wüßte auch gar nicht was. Es ist gerade wenig spektakulär. Viel zu tun, man geht so mit. Gefühlsmäßig ein flaches auf und ab. Vielleicht bin ich auch gerade nicht so nah dran an meinen Gefühlen, das kann gut sein. Es sind doch immer wieder Situationen, die muß man halt schlucken. Gestern war so eine mal wieder…

Wir saßen beim Notar und es ging um einen Kinderbonus. Sagte hier: „Sie haben ja zwei Kinder, …!“ und ich dachte mir: „Nein, ich hab drei, aber das jüngste ist tot und deswegen zählt es nicht für Dich!“. Aber ich hielt brav meinen Mund. Es ändert ja nichts. Und ja, in der Sache rein rechtlich hat er recht. Ich habe nur zwei Kinder.

So wie kürzlich im Finanzamt, weil uns vor kurzem auffiel, dass wir den Kinderfreibetrag für den Löwen noch auf der Lohnsteuerkarte haben. Ich fragte, ob er die Sterbeurkunde einsehen müsse und er entgegnete, dass er das normal aus dem Computer ersehen kann. Konnte er nicht. Warum auch immer. Als hätte es ihn nicht gegeben.

Oder vor ein paar Tagen hatte ich ein Telefonat mit jemandem „vom Fach“, also der immer wieder mit verwaisten Eltern zu tun hat. Nach der Frage, wie es uns geht, war immer wieder Gegenstand des Gesprächs, das andere Eltern zu diesem Zeitpunkt, ein halbes Jahr nach dem Tod des Kindes, noch nicht so weit im Trauerprozess sind. Das es denen viel schlechter geht. Das wir scheinbar auf einem guten Weg sind. Aber immer wieder die Feststellung, das andere Eltern erst nach Jahren an einen solchen Punkt kommen. Ich war nach diesem Telefonat verunsichert. Hatte während des Telefonats das Gefühl, ich muß mich dafür rechtfertigen, dass es mir gut nicht schlechter geht. Ich mußte das erst zer-denken und dann wurde ich sauer. Richtig sauer.

Ich neige nicht dazu, vor anderen plötzlich in Tränen auszubrechen. Aber das muß ich auch nicht. Ich darf so trauern, wie ich mag. Und nur, weil ich nicht spontan vor anderen ständig heule und wie das Leiden Christi durch die Gegend trabe heißt es nicht, das ich nicht trauere. Ich trauere auf meine Art. Irgendwie kann man es nie recht machen. Entweder man trauert nicht „richtig“ (was auch immer das sein mag) oder man trauert immer noch, wo es doch schon sooo lange her ist und man jetzt ja schon mal langsam drüber hinweg sein könnte.

Ich werde nie drüber hinweg sein. Hinweg heißt für mich erledigt. Diese Trauer wird sich verändern. Es werden Löcher kommen, Hoch und Tief werden sich abwechseln. Vielleicht gleichmäßig, vielleicht irgendwann längere Hochs und dafür tiefere Tiefs. Was weiß ich. Aber ich werde meine Trauer über den Tod meines Babies immer in mir tragen. Und es geht niemanden etwas an. Niemand anderer kann sagen, wie richtige Trauer auszusehen hat. Wie ich trauern soll, damit es für die anderen paßt. Mein zorniges Wort zum Sonntag. Löwenmama auf Krawall gebürstet.

Vorletzte Nacht hab ich geträumt vom Löwen, das zweite Mal seit seinem Tod und war wieder sehr verwirrt. Er war schon tot, aber plötzlich wieder da. Er war so hübsch und ganz gesund. Er war mir so fremd, aber auch so vertraut. Er machte einen Haufen Quatsch, lachte, wackelte mit dem Kopf als wollte er sagen „Mama, kuck, ich kann ihn jetzt halten!“. Er kletterte die Treppe rauf und runter und machte wilde Turnübungen.

Was sollen mir dieser Traum sagen? „Mama, mir geht`s jetzt gut?“ Oder ein Wunschtraum?

Nächste Woche ist mein erster Dienst, ich arbeite ab da wieder. Ein neuer Lebensabschnitt. Ich freue mich sehr. Bin aber sehr nervös.

Schaut mal, wir haben Zauber-erde. Vor einer Weile frisch aufs Löwengrab aufgebracht und jetzt wachsen kleine Sternchenblumen überall… sie sehen ein bißchen aus wie seine Sternchenaugen.

Uploaded from the Photobucket iPhone App

Herzliche Grüße

die Löwenmama

Forrest Gump

3. März 2012

Uploaded from the Photobucket iPhone App

 

Die letzten Tage war viel los. Viel, viel, viel. Hier wurde es mal ein wenig stiller, aber ich wollte euch heute wieder ein Lebenszeichen hinterlassen.

Wir arbeiten gerade an unserem neuen Leben, brechen aus dem Alten aus, weil es das Alte nicht mehr gibt. Machen uns auf in ein neues Leben – unser neues Leben. Wir haben die letzten Wochen beschlossen, von hier wegzuziehen. Ein Haus zu bauen. In Laufnähe vom Löwen. Der Große wird zum nächsten Schuljahr die Schule wechseln. Mein Mädchen besucht nun seit zwei Tagen als nigelnagelneues Kindergartenkind bereits den Kindergarten im künftigen Wohnort. Es fühlt sich richtig an, für uns alle. Das ist so ein großer Schritt.

Vor ein paar Tagen kam „Forrest Gump“ im Fernsehen. Ich höre den wunderschönen Soundtrack wirklich sehr gerne. http://youtu.be/2GFgwJiWaJE (Soundtrack von Forrest Gump)

Ich habe ihn oft gehört, mit dem kleinen Löwen auf dem Arm. Und bitterlich geweint. Und ihm immer wieder gesagt (und mir selbst tapfer vorgesagt), dass wir alles schaffen können. Wenn wir nur fest genug daran glauben, stark genug dafür kämpfen. Alles geben.

Wir haben viel geschafft und auch nichts. Aber gekämpft bis zum Letzten und alles gegeben. Ich konnte den Film dieses Mal nicht sehen. Wenn ich an die Melodie nur denke, treibt es mir die Tränen in die Augen.

Gestern haben wir es schön gemacht beim Löwen. Die Erde war über den Winter schon wieder so abgesackt und es tat sich rundrum so ein gräßlicher Spalt auf. Es war so ein verdammt beschissenes Gefühl durch den Gartencenter zu laufen und Graberde zu kaufen, ein Windrad auszusuchen. Und ein paar Blumen als Frühlingsgruß. Einen tollen Farbtupfer haben wir gefunden. Einen Marienkäfer an einer langen, biegsamen Stange, die sich im Wind wiegt. Ein fröhlicher und herrlich bunter Gruß, wenn man zum Löwen kommt. Schon von Weitem sieht man die Farben um die Wette leuchten. Und es ist seltsam beruhigend, wenn es dort wieder schön ist.

Aber heute ist meine Seele übergelaufen. Gebrodelt hat es schon ein paar Tage. Löwe im Kopf, Löwe im Herz – fehlt so sehr. Überall toben sie rum, die Zwergennasen. Er wäre jetzt bald 19 Monate alt. Würde durch den Garten laufen. Erst vor ein paar Tagen war ich mit meinem Mädchen im Schuhladen. Gummistiefel, Halbschuhe und ein Paar Sandalen. Und ich hatte noch ein paar Schuhe in der Hand, das ich gekauft hätte. Hätte. HÄTTE! Die wären es gewesen, die er bekommen hätte.

Gestern schon hatte ich so einen Drang nochmal zum Löwen zu fahren. Fühlte mich so weit weg von ihm. Heute war der Drang noch viel stärker, obwohl ich morgens schon dort war. Also setzte ich mich ins Auto und die Tränen liefen. Tränenmeer ganz voll. Viel Gefühlstsunami. So viel Loch, Trauer, Wut, Hilflosigkeit. So viel Durcheinander im Kopf, Herz und Bauch. Nur wohin damit?

Ich schicke euch Sonne

die Löwenmama

 

„Tränenmeertrockner“

7. September 2011

Ich möchte mal ein Lebenszeichen in des Löwen Blog hinterlassen. Nachdem wir letzte Woche immer wieder Probleme mit zucken – also krampfen – hatten, ist alles wieder *ich traus mich gar nicht sagen, hab Angst es zu verschreien* weitestgehend stabil. Ich freu mich riesig drüber!!

Edit: das hatte ich vergessen, unser Löwenpapa ist ja jetzt wieder nach den fünf Wochen Semesterferien während der Woche weg beim Studium und ich allein mit den Kindern, wobei ich schon Unterstützung hab – aber wir wuppen das bis jetzt gut. 😀

Zur Zeit ist grad wieder eher so Verdrängung angesagt. Ach irgendwie auch nicht, blöd zu erklären. Man wird so vom Wecker geweckt, huuundemüde, und denkt sich so „ach ich würd so gern mal wieder ausschlafen“ und so wie man es fertig gedacht hat ist es wie Schockstarre: „das kannst Du erst, wenn der Löwe tot ist.“

Das ist grausam. Weil so wichtig ist ausschlafen nicht, man will den Löwen ja behalten und weiß gleichzeitig, dass dieser Tag jeden Tag ein Stück näher da ist und man weiß nicht mal wann. Man kann sich nicht drauf einstellen, Angst vor dem was kommt. 😦

Andererseits bin ich so im Umbruch. Sehr kreativ, an mehreren Fronten. Auch gedanklich sehr kreativ, was das Leben wohl mit mir macht, wo es mich hinführen wird, ja nicht wieder in alte Fahrrinnen tauchen. Alles anders machen. Ich habe aber etwas Angst davor, ob es evtl. eine Flucht wäre.

Gestern las ich den Spruch des Tages in der Tageszeitung:

Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Aber wir sehen oft so lange und so wehmütig auf die geschlossene Tür, dass wir diejenigen, die sich für uns öffnen, gar nicht sehen.

von Alexander Graham Bell

Wenn sich diese Türe meines Lebens schließt, hoffe ich die Kraft dazu zu haben, meinen Blick von der dann geschlossenen Türe abzuwenden und nach den anderen zu sehen. Ich hoffe, ich kann das dann.

Ihr wißt ja, mein Tränenmeer. 5-1=Tränenmeer. Und meine Kreativität. Das wurde daraus:

Photobucket

Photobucket

Wenn es meine Zeit erlaubt, sitze ich an der Nähmaschine und nähe sie. Da steckt Liebe drin – sehr viel Liebe, Wut, Trauer, ganz viel Löwenbaby und Löwenmama. Sie sind mir sehr wichtig geworden. Die ersten ließ ich noch von meiner lieben Bekannten, die das süße Löwenanzüglein genäht hat, mit der Maschine besticken, aber der Aufwand ist auf Dauer zu groß. Dann habe ich diese Webbänder machen lassen, mit dem Sternchen drauf – das ist toll! 😀

Allerdings hab ich grad noch mehr das Gefühl, für nichts und niemanden genug Zeit zu haben, bin total überfrachtet. Fange mehrere Sachen an und bekomme sie nicht oder zu lange nicht fertig, vergesse Rückrufe … bin total zerstreut und unstrukturiert.

Sehr beschäftigt hat mich die Tage eine Pressemeldung über ein Baby, das von seinen Eltern im Kofferraum des Autos gelassen wurde, während diese auf ein Konzert gingen. Das Baby wachte auf und schrie, Passanten riefen die Polizei, welche widerum das Auto öffnete und das Baby befreite. Dieses kam total durchgeschwitzt in die Kinderklinik. Die Eltern konnten erst nach vier!! Stunden ausfindig gemacht werden.

Wie verrückt ist das? Wer tut sowas? Und dann frage ich mich, wie sie mit einem so kranken Baby wie meinem Löwen umgehen würden und nein, eigentlich will ich doch keine Antwort. 😦

Ich bin dann mal wieder…

Es grüßt euch herzlich –

die Löwenmama

Glaubt ihr noch?

16. Juni 2011

Ich hab meinen Glauben ja verloren. Ich war vorhin schon recht gläubig. Kein klassischer Kirchengänger, hab aber gern meine Momente in der Kirche genossen. Als klar war, dass irgendwas mit dem Löwenbaby nicht stimmt, hab ich viel gebetet, es oft auch nur versucht, weil ich irgendwie den Draht nicht gekriegt hab.

Nach und nach wurde ich immer wütender auf Gott, weil ich mich so verlassen fühlte. Ich fühlte mich so unglaublich verlassen. Ich hatte dann ein Erlebnis, das mich wieder glauben lassen wollte. Unser Dekan hatte wegen der Taufe angerufen und ich wollte am Telefon das Thema „fühle mich von Gott so verlassen“ nicht anfangen. Nicht gut. Als ich auflegte, fühlte ich mich wieder so arg verlassen. Einen Moment später klingelte es und ich bekam Blumen geschickt von einer ganz, ganz lieben *wink an Du weißt schon wer* und eine Karte, in welcher ich auf  „Spuren im Sand“ aufmerksam gemacht wurde.

Spuren im Sand kannte ich nicht. Ich googelte danach und als ich das las, haute mich das echt fast aus den Latschen. Diese Gottverlassenheit zu fühlen und dann diese Karte und die Blumen zu bekommen. Das mußte ein Zeichen von Gott sein. Aber dabei blieb es auch. Da kam nix mehr. Nicht im Gebet, kein Draht, nichts.

Ich hab viel darüber nachgedacht, ob es Gott überhaupt gibt. Nein, den gibts nicht. In der Kinderklinik letztens, als es dem kleinen Löwen echt mies ging, hab ich wieder gebetet und ihm eine Chance gegeben. Ich hab kein Wunder erwartet, ich habe aber darum gebetet, dass es ihm einfach besser geht. Ich habe gebetet, dass wenn es ihn wirklich gibt es jetzt an der Zeit ist, es zu zeigen, dass dem kleinen tapferen Löwenbaby schon so viel aufgebürdet wurde und er jetzt seiner Hilfe, seines Schutzes bedarf und schwupps saugte man ihn schon wieder ab und er quiekte jämmerlich. Gott gibt es nicht.

Ich hab früher leidenschaftlich gern Wimpern weggepustet, Sternschnuppen gesucht, gefunden und was gewünscht. Silvester an Raketen Wünsche gebunden… was man halt so macht. An was wir halt so glauben. Ich hab früher an Fügung, Schicksal, Dusel haben geglaubt. Das kann ich alles nicht mehr glauben. Es ist wie es ist und fertig.

Bei allem Gedöns meinerseits wollte ich aber noch was von meinem kleinen Löwen erzählen. Ich finde, die Schleimerei ist etwas besser, er rasselt nicht mehr so arg beim Atmen, teils gar nicht. Schleim ist da, wir saugen auch mehr ab als noch vor ein paar Tagen, aber vielleicht löst es sich auch besser. Ohne Absauggerägt ginge es schon lang nicht mehr, wir können auch nicht mehr wirklich mit ihm außer Haus. Ich denke auch nicht, dass das noch besser ist. Aber Hauptsache, so geht es ihm besser und er quält sich nicht so.

Er schläft gerade neben mir, während ich ihn sondiere. Er ist so hübsch. Zart. Er hat so feine Gesichtszüge. Man könnte meinen, wenn er da so schläft, er hat nichts.

Der Morbus Krabbe ist ein Schwein. 😦

Umklammert von der Unruhe

15. Juni 2011

Heut war ich in der Stadt – Friseur.

Allein!!

Man war das schön! 🙂

Ich hab mir nen tollen dunkellila Nagellack gekauft. Ich hab sonst nie Nagellack getragen, aber ich mach grad immer das Gegenteil von dem, was ich sonst gemacht habe. Macht Spaß. Ich erfahre mich völlig neu. Ich bin nicht mehr so, wie ich war. Ich weiß nicht, wie ich werde. Sehr spannende Sache.

Ich hatte ja große Lust auf ne Glatze. Ich hab es mal sein gelassen. Kürzlich meinte jemand, ich sei dann auch sehr schutzlos. Ich möchte nicht schutzlos sein. Lila Haarsträhnen hab ich auch mal sein lassen. Man muß sie ja erst blondieren und dann färben und die Farbe geht so arg schnell wieder weg. Die dauernde Nachfärberei würde mir nur auf den Sack gehen. Ach, ich bin zur Zeit so auf Krawall gebürstet, bin so giftig, so eklig zu meiner Umwelt. Als sie mir da so die Haare schnitt, fühlte ich nich plötzlich so klein, mickrig und elend. Was hilft mir der ganze Krawall. Wir kämpfen gegen eine Windmühle.

Ich dachte mir, Mensch, irgendwann bist Du immer ohne den kleinen Löwen unterwegs, wenn er nicht mehr da ist. Ich fühlte mich wieder so wahnsinnig beschnitten. Wie wird es dann sein? Es fühlt sich schrecklich an. So nach nicht ganz.

Ich konnte diese Freiheit gar nicht genießen. Ich fühlte mich wie von einer Unruhe umklammert. Ich hab den erstbesten Nagellack geschnappt, im Gemüseladen einen Salat und rasch Cocktailtomaten, schnell, schnell wieder heim zum Minilöwen, damit er nicht so lang ohne mich ist, auch wenn der Papa perfekt gut auf ihn aufpaßt. Ich fühl mich ohne ihn so nicht ganz. Gehetzt. Unruhig. Brr, wie ich das hasse.

Ich kam am Büro vom Kinderschutzbund vorbei und wollte schon reingehen und sagen, dass der Morbus Krabbe mir mein Kind stiehlt. Aber die helfen mir auch nicht weiter, ich weiß. Das ist schutzlos. Dazu brauche ich keine Glatze.

Viele Grüße

die Löwenmama vom tollsten Löwen der Menschenwelt

Flashmob, her mit euren Ärschen

8. April 2011

Ich bin heute sehr sauer und trotzig. Kennt ihr diese Revoluzer-Gefühle aus der Jugend? Ich hätte früher gern mal meinen blanken Arsch aus nem Fenster eines fahrenden Autos gehalten, hatte aber nie den Mut dazu.

Halt einfach Sachen machen, die man nicht macht. Warum eigentlich? Um zu provozieren? Die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken? Keine Ahnung. Ich würde grad total gern meinen blanken Arsch gen Himmel recken. Und ja, ich entschuldige mich bei allen Gläubigen jetzt nicht. Ich bin sauer auf Gott. Erst schenkt er mir ein Kind und jetzt nimmt er es mir wieder weg. Er läßt mich gerade im Stich, läßt es zu, dass mein Großer und meine Kleine mitbekommen müssen, wie ihr Geschwisterchen fast erstickt, er mutet das mir und vor allem dem kleinen Muck zu. Er sattelt grad immer nochmal und nochmal drauf. Wenn es ihn denn gibt, verstehe ich alles einfach nicht mehr. Also entweder gibt es ihn nicht, dann ist es eh egal, wenn ich ihn gen Himmel blank ziehe und wenn es ihn gibt, dann muß ich nicht für alles artig Danke sagen und annehmen, sondern darf auch ganz deutlich protestieren. Wenn er meinen blanken Arsch gesehen hat, ist er wenigstens mal wieder aufmerksam geworden auf uns, wenn er mich schon nicht hört und euch alle, die ihr für den tapferen Löwen gebetet habt.

Dieses Gedicht hab ich von einer ganz lieben, es stammt von Mascha Kaleko – es gefällt mir, ich füg es mal ein:

Memento

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr –
und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur;
doch mit dem Tod der anderen muss man leben.