Archive for April 2011

…grenzwertig…

28. April 2011

Heut ist ein blöder Tag. Die Nacht war schon richtig blöd, ich bin extrem unausgeglichen, unruhig, weiß gar nicht, wohin mit mir. Wir sind draußen, mein Mädchen ist total anstrengend, will alle zwei Minuten was anderes. Rauf aufs Trampolin, wieder runter, gießen, Wasser spritzen, wieder Trampolin. Schuhe an, Schuhe aus und jedes mal den kleinenLöwen hinlegen, den kleinen Löwen aufnehmen, usw. Zwischendrin versucht der Muck wieder Schleim aus der Lunge hochzuhusten, das hört sich furchtbar an, wieder hin, hochnehmen, Schleim absaugen, währenddessen trotzt mein Mädchen wieder.

Ich bin total genervt und will gar nicht genervt sein. Ich hab die Nudel doch so lieb, aber heut ists langsam grenzwertig.

Wenn er gesund wäre, würde er sich sicher kaputt lachen, wie seine Schwester im Trampolin rumkugelt und er könnte sich auch schon mindestens drehen, robben oder krabbeln, sitzen. Mein Mädchen hätte wen zum Spielen, so wie ich es mir für sie gewünscht hatte.

Und was ist? Alles scheiße. Ich hasse mein scheiß Leben. Ich will das alles nicht! Ich will mein altes Leben wieder.

Aber das ist weg.

Ich befürchte, ich bin heut nicht sehr konstruktiv.

Ich hab sonst den Frühling so sehr geliebt. Ich weiß nicht, wie ich ihn künftig erleben werde. Sonst hab ich mich immer so über die Apfelblüten gefreut. Heut hab ich meinem Löwenbaby erzählt, wie schön sie aussehen, er kann sie ja nicht mehr sehen. Ich hab ihm versprochen, ihm jedes Frühjahr welche zu bringen, wenn er nicht mehr bei mir ist.

Er ist so hübsch. So ein wunderschönes Baby. Seine Haare werden richtig schokobraun, wie meine. Er ist mir so wertvoll. Wie kann man mit einem so gebrochenen Herz weiter leben, frag ich mich immer. Die anderen schaffens irgendwie, dann ich wohl auch. Kann ja meine Lieben nicht im Stich lassen.

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Trampolin hüpfen ist der Hit

26. April 2011

Heute war wieder unsere Hospizbegleiterin da. Ich mag sie wirklich sehr, sie hat eine liebe, offene Art und wir können wirklich über alles reden, selbst die abgefahrensten Sachen. Und dabei stelle ich dann fest, das ist gar nicht so abgefahren, sondern ihr ging/geht es ganz genauso. Das ist gut. Gleichzeitig sehe ich eine tolle, starke Frau vor mir, die so viel Leben ausstrahlt das ich mir denke, hey ich pack das auch und irgendwann bin ich auch so. Ich sehe aber auch, dass ihr Mädchen in ihrem Leben noch eine sehr große Rolle spielt. Das macht mich merkwürdig froh. Also ist auch ein Kind noch da, wenn es eigentlich nicht mehr da ist. Ich hatte etwas Angst davor, dass es nach und nach verschleiert. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders ausdrücken soll.

Mein Mädchen ist wild, wilder, am wildesten. Mein Großer auch. Sie dreht mit dem Trampolin völlig durch. Kaum ist sie wach, will sie hüpfen. Der Große hängt auch dauernd drauf ab und jetzt haben wir ausgemacht, dass wir irgendwann mal in einer lauen Sommernacht alle drauf schlafen. Hoffentlich gibts dann keinen Platzregen.

Auf dem Trampolin haben wir wirklich die tollsten Momente.

Meinem kleinen Muck geht es nicht so gut. Er schläft immer mehr und es kommt immer öfert vor, dass er gar nicht richtig wach wird. Heut war die Physio da und hat ihm die Lunge frei geklopft und gerüttelt und er schlief währenddessen, wurde erst wach, als sie ihn auf den Bauch gedreht hat. Das war letztens auch schon so. Merkwürdig. 😦 Die Lunge verschleimt immer mehr, hat einfach damit zu tun, dass die gesamte Muskulatur im Brustkorb nachlässt und ihm das Atmen schwerer fällt und die Lunge nicht mehr gut belüftet ist, kombiniert mit schlechtem Abhusten. Er rasselt viel beim Atmen und wenn er versucht zu husten, hört sich das echt schrecklich an. 😦

Mir gehts so lala. Mal laufen die Tränen, dann wieder nicht. Ich glaube, das hatte ich noch gar nicht erzählt… letzte Woche hatte tatsächlich noch eine aus dem Klinikum angerufen. Als wir dort zu der Erstuntersuchung im SPZ waren kündigte man an, wir würden auf ne Liste kommen und das Löwenbaby jedes halbe Jahr zu einer Untersuchung terminiert, wo man den Verlauf dokumentiert und schaut, wo er Förderbedarf hat. Die hatten wohl nun vergessen, uns von dieser Liste zu nehmen. Letzte Woche ruft diese Frau an und will uns nun einen Termin für die entwicklungsneurologische Untersuchung geben. Ich hab ihr erklärt, dass wir einen Befund haben und man wohl vergessen hat, uns von der Liste zu nehmen.

„Ja aber er würde eben auf ihrer Liste draufstehen, also müsse sie auch den Termin vergeben.“ Ich sagte ihr dann, dass er Morbus Krabbe hätte und es sich dabei um eine lebenslimitierende Stoffwechselerkrankung handeln würde und wir diesen Termin nicht benötigen. „Aber wir stehen auf dieser Liste und dann müssen wir auch kommen.“ Ich hab ihr also nochmal erklärt, dass er bald sterben wird. Hallo, ist die begriffsstutzig? Da sagt die doch glatt nochmal, dass wir auf ihrer Liste stehen. Tickt die noch? Ich sagte ihr dann, dass er sich gar nicht mehr entwickelt und nicht mehr lange leben wird. Da sagt die doch glatt, sie müsse das erst mit der Fr. Dr. Blablablubb in Rücksprache klären. Ich wußt in dem Moment nicht, ob ich lachen oder weinen soll. 😦 Größer gehen Fettnäpfchen ja kaum.

Ostern

24. April 2011

Der Tag war schön, das Wetter war anfangs leider schlecht, wurde aber noch richtig gut. Wir konnten tolle Familienbilder machen, das hat uns sehr viel bedeutet! Wir haben vor einer Weile schon festgestellt, dass wir keine Bilder haben, wo wir zu fünft drauf sind. Das konnten wir heute nachholen!

Die Kinder haben ein große Trampolin bekommen und haben sich wie blöd gefreut. Mein Mädchen wollte ständig hüpfen gehen.

Ach könnte der kleine Löwe doch nur mithüpfen.

Dem Muck ging es heute nicht so gut. Ihm kommt immer öfter was hoch, das zieht er durch die Nase und verschluckt sich schlimm. Abhusten geht immer weniger gut. Das tut mir in der Seele weh. Ich hab heut viel geweint. Hatte einen etwas miesen Tag. Sonst war’s aber schön.

wichtige Impulse zum Tag X

23. April 2011

Meine Hebamme hat uns gestern besucht und hat sich auch noch mit ihren Handabdrücken auf dem Tuch für den Löwen verewigt. Die waren noch ganz wichtig, ihre Hände haben ihn als erstes berührt. Sie hat uns noch einige wichtige Impulse gegeben, wenn der Tag X ist.

Wir wußten nicht, dass wir das Löwenbaby gar nicht aus den Händen geben müssen. Das Wissen ist sehr wertvoll für uns. Wir haben gestern ins Bestattungsrecht reingeschaut und es ist tatsächlich so, dass wir mehrere Ausnahmegenehmigungen einholen können. Der Muck darf ohnehin bis 36 Stunden auch nach seinem Tod bei uns bleiben im Haus und wir können mittels Ausnahmegenehmigung erwirken, dass er bis zu seiner Beisetzung bei uns bleiben kann. In seinem Sarg dürfen wir ihn sogar selbst zum Friedhof zur Beisetzung bringen.

Mein Baby langt niemand anderes an, wenn ich es verhindern kann. Ich hab ihn geboren und unsere Hände werden ihn zuletzt berührt haben. Und nicht irgendein fremder Mensch.

Ich habe mir die letzten Tage viele Gedanken über den Tod gemacht. Ich habe inzwischen gar keine Angst mehr davor. Wenn meine Zeit abgelaufen ist, gehe ich eben zu meinem kleinen Löwenbaby. Ich hatte immer sehr große Angst vor dem Tod. Konnte mir nicht vorstellen, dass die Welt sich ohne mich weiterdreht. Ist wirklich so. Ziemlich von mir selbst überzeugt, hm?

Jetzt gerade sehe ich es so, dass ich noch hier bleiben muß, weil mindestens mein Mädchen und mein Großer mich brauchen. Mindestens zwei gute Gründe und mir fallen auch noch ein paar mehr ein, der Löwenpapa zum Beispiel. Ich bin nicht lebensmüde, aber es sind nur Gründe, die nichts mit mir selbst zu tun haben. Klar haben meine Kinder mit mir zu tun – ach blöd auszudrücken. Ich hoffe, irgendwann ändert sich diese Sichtweise wieder, vielleicht wenn ich irgendwann aus diesem Tal wieder raus bin. Ich würde mich darüber freuen, wenn auch mal wieder was kommt, was mir was bedeutet, so wichtig ist, dass es für mich nicht nur drum geht, meine Kinder durchs Leben zu begleiten, sondern selbst an dem ein oder anderen zu hängen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, irgendwann wieder richtig glücklich zu sein, ganz frei zu lachen. Das ist einfach ein richtig großer Schatten auf meiner Seele. Wenn mein Löwenbaby geht, wird mein Herz brechen. Das kann man nicht mehr kitten.

Der kleine Muck liegt seit gestern nur noch erhöht, auch nachts. Ich vermute, sein Mageneingang schließt nicht mehr sicher und plötzlich schwappt was hoch und es kommt durch seine Nase. Er hat sich schon etliche Male arg verschluckt und schlecht Luft bekommen und ich mußte ihn absaugen. Hab ich schon erzählt? Er kühlt oft furchtbar aus, vor allem nachts. Obwohl er Body, Schlafi, Socken, Schlafsack, zwei Fleece-Babywolldecken, meine Wolldecke, meine dicke Zudecke und ein Fell, auf dem er liegt, hat kühlt er total aus. Vorgestern morgen hatte er nur noch 33,33 °C (rektal). Ich dachte schon, dass Thermometer gibt den Geist auf, aber zwei Stunden später hatte er immerhin schon gute 35 °C, also stimmte das schon. Er fühlte sich auch eisig an sonst hätte ich nie die Idee gehabt zu messen. Seine Temperaturregelung im Gehirn scheint zu spinnen und er bewegt sich ja nicht und hat kaum Muskelmasse. Ist wirklich ein Problem. Er bekommt jetzt wieder Wärmflaschen mit ins Bett…

müde vom Leben

18. April 2011

Morgen Nachmittag kommt zum ersten Mal unsere „ambulante Hospizbetreuung“. Sie war letzte Woche abends mal mit der Dame vom Kinderhospiz zum Beschnuppern da und ich fand sie sofort sehr sympathisch – sie spricht und lacht mit den Augen, das mag ich. Morgen können wir uns einfach mal kennenlernen.

Wenn es zwischen uns paßt, kommt sie ab jetzt jede Woche für einen Vormittag oder Nachmittag oder wie es sich ergibt, ausgeht. Sie hat selbst schon ein Kind verloren und kann sich deswegen vielleicht noch mehr in uns reinfühlen. Ich freue mich!

Ansonsten hab ich gerade viele Durchhänger, heule von jetzt auf plötzlich.

Gestern abend beim Füttern hatte ich den Eindruck, er ist nicht nur müde, sondern auch müde vom Leben. Das hat mich sehr traurig gemacht, ich habe sehr geweint. Es tut so unheimlich weh, sein Baby aufgeben zu sehen. Er schläft zur Zeit auch sehr viel und lang. Was soll ihn auch stören, wenn er schlecht hört.

Ich liebe diesen kleinen Menschen so abartig stark, es tut in jeder Faser meines Körpers weh.

Therapietermin

11. April 2011

Ich war heute bei meiner Therapeutin, davon möchte ich euch erzählen. Ich war ja fast drei Stunden dort, hätte ich nie gedacht, die Zeit rannte. Wir redeten über Tod, sterben, beerdigen, ihr fiel auf wie selbstverständlich ich immer wieder schaute, ob der kleine Löwe noch schnauft und irgendwann wies sie mich drauf hin, dass hier der für mich perfekt geschützte Ort wäre, um mich fallen zu lassen. Ich dürfe ruhig weinen, es mir zugestehen. Es täte ihr so weh, mich so abgespalten zu sehen, sie würde am liebsten jetzt selbst weinen. Aber weinen war nicht. Ich kann nicht und will nicht weinen. Ich hab zu Hause meine Momente, da weine ich, da kann ich diesem Schmerz nachgeben, aber das ist grad nicht so oft. Diese Momente, wenn ich weinen kann, „nehme ich auch mit“ sag ich mal.

Kurz gesagt stellte sie fest, dass wir unser Leben erstaunlich reflektiert gut strukturiert haben. Sie konnte uns für nichts irgendwas mit auf den Weg geben, was wir nicht bereits selbst umgesetzt hätten. Ich sei schon mitten im Trauerprozess und würde das mit viel Kreativität angehen. Das fand sie gut. Allerdings sah sie auch, dass ich der Stützpfeiler für jegliche Struktur in unserer Familie bin und sie hat Angst, dass ich irgendwann zusammen breche und dann keiner mehr für mich da ist, der mich stützt. Aus diesem Grund will sie mir momentan auch noch meine Emotionslosigkeit, dieses Abgespaltene, lassen, da es offenbar jetzt gerade mein Weg ist, alles aushalten zu können. Auch diese ständige Situation, dass ich dauernd damit rechnen muß, dass er mir im Arm einschläft, nicht mehr aufwacht, erstickt oder was auch immer. Wir sind aber so verblieben, dass ich sie Tag und Nacht anrufe, wenn es mir nicht gut geht und ich reden will, Hilfe brauche, …!

Achso, wir kamen irgendwann aufs Thema Glaube zu sprechen und ich wurde furchtbar wütend. Da ich wütend werden konnte, ist das offenbar gerade mein Ventil, das fand sie perfekt gut. Also zu irgend ner Gefühlsregung bin ich doch noch in der Lage. 😉

So – jetzt hat jeder seinen eigenen Therapeuten. Wie bei den Amis. 😉 Mein Großer war heut auch.

Flashmob, her mit euren Ärschen

8. April 2011

Ich bin heute sehr sauer und trotzig. Kennt ihr diese Revoluzer-Gefühle aus der Jugend? Ich hätte früher gern mal meinen blanken Arsch aus nem Fenster eines fahrenden Autos gehalten, hatte aber nie den Mut dazu.

Halt einfach Sachen machen, die man nicht macht. Warum eigentlich? Um zu provozieren? Die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken? Keine Ahnung. Ich würde grad total gern meinen blanken Arsch gen Himmel recken. Und ja, ich entschuldige mich bei allen Gläubigen jetzt nicht. Ich bin sauer auf Gott. Erst schenkt er mir ein Kind und jetzt nimmt er es mir wieder weg. Er läßt mich gerade im Stich, läßt es zu, dass mein Großer und meine Kleine mitbekommen müssen, wie ihr Geschwisterchen fast erstickt, er mutet das mir und vor allem dem kleinen Muck zu. Er sattelt grad immer nochmal und nochmal drauf. Wenn es ihn denn gibt, verstehe ich alles einfach nicht mehr. Also entweder gibt es ihn nicht, dann ist es eh egal, wenn ich ihn gen Himmel blank ziehe und wenn es ihn gibt, dann muß ich nicht für alles artig Danke sagen und annehmen, sondern darf auch ganz deutlich protestieren. Wenn er meinen blanken Arsch gesehen hat, ist er wenigstens mal wieder aufmerksam geworden auf uns, wenn er mich schon nicht hört und euch alle, die ihr für den tapferen Löwen gebetet habt.

Dieses Gedicht hab ich von einer ganz lieben, es stammt von Mascha Kaleko – es gefällt mir, ich füg es mal ein:

Memento

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr –
und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur;
doch mit dem Tod der anderen muss man leben.

„alles kaputt, es ist alles kaputt“ – Meldung aus der Seifenblase…

7. April 2011

Ich will aus dieser beschissenen Situation raus. Ich will mal wieder einfach nur so unbeschwert lachen. Als ich gestern aus dem Hospiz kam, standen da Eltern draußen und haben richtig gelacht. Ich dachte mir ‚wow, die können das noch, oder wieder … ‚ was weiß ich. Kann ich das auch irgendwann wieder? Werd ich wieder sowas wie Spaß erleben, glücklich sein? Geht das noch, nach allem was ist und was noch kommt? 😦

Das war das, was ich kürzlich mit leben in der Seifenblase meinte. Die Welt da draußen läuft normal weiter, wir da drin, kein Boden mehr unter den Füßen. Man will wieder am Leben teilhaben, will wieder Boden unter den Füßen spüren. Man will, dass die Blase platzt, was aber im Umkehrschluß bedeuten würde, dass man sich wünscht, dass der löwe stirbt. Aber wollen tun wir das ja auch nicht.

Das ist alles Mist.

Ich möchte mein Baby um alles in der Welt behalten, aber es ist so kein Leben. Also ich kann es kaum mehr ertragen. Heute mußte ich ihn wieder rumdrehen, weil er sich an seinem Speichel so arg verschluckt hat. Der ist recht zäh und ich sauge eh schon immer wieder mit dem Mucex Absauger manuell überschüssigen Speichel aus dem Mund ab. 😦 Aber manches kommt auch aus der Lunge hoch und er kann inzwischen sehr schlecht abhusten. Essen wird immer schwieriger. Er atmet oft so flach und hat richtig lange Atempausen. Er gibt kaum einen Ton von sich, außer er jammert und dann bin ich mir nie sicher, ob ihm was weh tut und wir versuchen uns wieder mit Schmerzmitteln. Er kann sich so gut wie nicht bewegen und macht sich ständig steif. Es ist ja nicht so, dass ich ihn hergeben muß und er den ganzen Tag munter brabbelt, rumstrampelt, kullert, lacht… lachen kann er schon lange nicht mehr. Er kann nicht mal mehr am Schnuller nuckeln. Es ist so schrecklich ihm dabei zuzusehen, wie er nach und nach abbaut.

Mein Mädchen hat vorgestern ein altes Buch von meinem Großen zerrissen und er weinte „alles kaputt, es ist alles kaputt“ und ich begann mit dem Löwenbaby  im Arm auch zu weinen weil ich dachte „ja, alles kaputt, es ist alles kaputt“. Ich hab den kleinen Kerl ganz auf die Welt gebracht, bis auf dieses eine einzige fucking GALC-Enzym wegen diesem dummen, dummen autosomal rezessiven Gendefekt, den wir ja unbedingt beide haben müssen, der bei jedem 150. vorkommt und bei einem von 100.000 – 150.000 Babies zusammentrifft und Morbus Krabbe macht. An dem kleinen Kerl ist alles dran, bis auf dieses eine einzige Enzym und das macht alles, alles kaputt.

Ja, ich hätte ihn so gerne aufwachsen sehen. Meine Mama sagt immer, er sieht exakt aus wie ich als Baby, bis auf die blauen Augen. Ich hätte gern gesehen, wie er mobil wird, gehört wie er Mama und Papa sagt. Wie er mit seinen beiden Geschwistern spielt. Ich hatte diese Strapaze mit zwei kleinen Kindern, kurzer Altersabstand auf mich genommen weil ich wollte, dass die Kinder miteinander aufwachsen, gemeinsam spielen. Und das tut so verdammt weh, dass alles kaputt ist. Wir wollten evtl. noch ein viertes Kind. Das käme ja jetzt nur noch mit Pränataldiagnostik in Frage. Und ich könnte es nicht abtreiben, wenn es auch die Krankheit hätte. Also käme nur infrage künstlich befruchten zu lassen, nachdem man Morbus Krabbe ausgeschlossen hat. Auf diese Prozedur hätte ich vermutlich null Bock

Wir wollten beide so wahnsinnig gerne eine große Familie. Das ist alles kaputt. Ich bin so gerne Mama, ich hab Kinderlachen so gern. Ich hätte ihn so gern durchs Leben begleitet. Aber alles ist kaputt. Und jetzt sitz ich hier und warte darauf, dass mein Kind stirbt, damit es nicht mehr leiden muß. Mich widert es so an, ihm jeden Tag diese scheiß Medikamente zu geben. Ihm Schleim abzusaugen. Ihm mit der Klistierspritze Flüssigkeit in den Po zu spritzen, damit er nicht austrocknet.

Ach, ich geh besser ins Bett. Hat ja doch keinen Sinn.

auf Therapeutensuche

6. April 2011

Ich ruf heut mal eine Therapeutin (Traumatherapie EMDR) an, ob sie mir wen empfehlen kann. Sie selbst rechnet nur über das Heilpraktikergesetz ab und ich hätte hohe Eigenleistung, was ich jetzt nicht will. Für meinen Großen hab ich eine Empfehlung von unserer Physio für eine Jugendpsychologin bekommen, da ruf ich heute an. Der große Kerl ist von gestern abend recht mitgenommen.

Evtl. weiß auch mein Hausarzt wen, aber ich bezweifle es eher. Ist ne kleine Privatpraxis und er ist nicht gebürtig von hier. Ich kann nur schwer einschätzen, wie gut er sich hier in der Stadt mit dem psychotherapeutsichen Angebot auskennt. Evtl. kann ich noch beim „Bunten Kreis Allgäu“ nachfragen.

Ich würd heut gern einfach davonlaufen, aber ich glaub, das geht auch nicht. Aus der Nummer komm ich irgendwie nicht mehr raus.

Zum Glaubensthema: ist für mich durch. Den gibts für mich nicht mehr. Sicher kann man den da oben nicht für alles verantwortlich machen, aber so draufzusatteln – da kann ich einfach nicht mehr glauben.

So, bin glaub nen Schritt weiter. Ich hab diese Traumatherapeutin eben angerufen. Sie kennt mich noch und ich hatte mir erhofft, dass sie mir wen empfehlen kann, der zu mir paßt, aber von meiner Beihilfestelle/PKV (Beamtin) übernommen wird. Ich will jetzt keine finanzielle Eigenleistung erbringen. Ich will nur, dass sich ohne wenn und aber wer um mich kümmert und fertig.

Der Kreis schließt sich mal wieder. Ich wußte nicht, dass sie mit dem Hospiz zusammenarbeitet. Sie arbeitet auch als systemische Familientherapeutin und kann sich vorstellen Einzelsitzungen und Familiensitzungen zu machen oder so in der Art. Sie klärt mit dem Hospiz – meine Ansprechpartnerin ist auch ihre Ansprechpartnerin – gerade ab, ob sie aus dem Spendentopf unsere Begleitung übernehmen, sodass ich max. das zuzahle, was ich erstattet bekomme. Vielleicht gibt es auch noch eine andere Stelle, die was übernehmen oder zuschiessen würde.

Jetzt warte ich auf Rückrufe.

tickst Du noch richtig oder schnappst Du schon über

5. April 2011

Thema Glaube: ich bin da grad irgendwie sehr durcheinander. Ich habe schon öfter mit Gott gehadert und gerade jetzt hadere ich am meisten. Ich hab schon öfter ans Konvertieren gedacht, es aber immer verworfen. Gestern dachte ich mir, was bringt konvertieren? Wahrscheinlich nichts. Es ist immer eine andere Art zu glauben. Selbst wenn ich konvertiere, hätte dieser Gott, dieses an das man glaubt, was auch immer es ist, es nicht verhindern können, das mein Löwenbaby diesen scheiß Morbus Krabbe hat. 😦

Die Frage ist, ob Gott es gemacht hat, es hätte verhindern können oder es gar gewollt hat und ja, ich frage warum.

Anderes Thema.

Woher weiß man, ob man psychologische Unterstützung braucht? Braucht man sie überhaupt in meiner Situation? Kann man es ohne schaffen? Woran merkt man, dass man überschnappt? Merkt man das überhaupt oder ist es zu spät, wenn man es merkt, weil man dann schon übergeschnappt ist? Ist es schlimm, wenn man überschnappt oder gehört es dann dazu?

Ich glaube, alle finden mich gerade merkwürdig. Ich finde mich auch merkwürdig. Ich erzähle über den Löwen, als ginge es um ein Spaghetti-Rezept. Ich bin grad sowas von emotionslos, das es schon wieder weh tut. Das fühlt sich sehr seltsam an. Gestern hatte unser Dekan angerufen und wollte wissen, wie es uns nach der Taufe noch ging und jetzt geht. Der Löwenpapa ist ja wieder weg und jetzt im Moment schreibt er eine wichtige Prüfung, auf die er nicht wirklich vorbereitet ist. Ein Stoßgebet spar ich mir jetzt mal, bringt ja eh nix.

Ich dankte dem Dekan nochmal für den schönen Gottesdienst, habe aber nicht gesagt, dass es mir zuviel darum ging, dass der Löwe bald wieder gehen muß. Muß ja nicht. Es war schön, wie es war und eine so besondere Situation, dass es dafür kein Patentrezept gibt. Ich habe ihm auch erklärt, dass ich die Taufe bewußt als Tauffest und nicht als vorgezogene Trauerfeier für mich sehen wollte und das ich deswegen alle Tränen runtergeschluckt habe und mit dem Löwenbaby am Nachmittag die Sonne genossen habe. Er entschuldigte sich prompt dafür, dass er mehrmals weinen mußte und bedankte sich, als ich das als rein menschlich sah und mir zeigte, dass er ein richtig großes Herz haben muß, wenn ihn unsere Geschichte so sehr zu Tränen rührt. Das fand er groß von mir.

Er fragte, ob ich jetzt alleine sei, bzw. wer mir beistehen würde, ob ich Freunde hätte, die mich nicht allein lassen. Ich erzählte, dass manche enge Freunde sich nicht mehr melden, ich es ihnen aber nicht übel nehme, weil sie wahrscheinlich mit der Situation überfordert sind und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, sich selbst schützen müssen oder Angst haben, sich falsch zu verhalten. Das müsse man so hinnehmen und respektieren. Das fand er auch sehr groß von mir und fand, dass ich sehr stark sei und unheimlich viel Kraft hätte. Als ich ihm dann sagte, dass das gar nicht so sei, wußte er auch nichts mehr zu sagen und ich glaube, er dachte, ich schnappe über. Und seitdem denk ich drüber nach, ob ich vielleicht wirklich überschnappe. Irgendwas stimmt vielleicht nicht mit mir, aber hier in meinem Leben stimmt ja gar nichts mehr. Wie soll dann mit mir alles stimmen?

Ich habe mehrere Nummern bekommen. Jeder meinte es gut, und dachte mir jemanden benennen zu müssen, der mir evtl. gut helfen könne aber immer mit dem Hinweis, ich solle dazu sagen, von wem ich die Nummer habe, weil sie das nur nebenbei machen würden oder nur zur Trauerbegleitung oder oder oder. Eine Nummer ist von einer systemischen Familientherapeutin. Hm. Weiß auch nicht, was ich davon halten soll, zumal die Nummer von der Dame im Hospiz ist, die hat sie nur ergoogelt, wollte mich etwas unterstützen – sie kennt sie aber nicht. Im Klinikum ruf ich garantiert nicht mehr an, da hätte ich die Nummer von ner Therapeutin, aber die hatte bis jetzt keine Zeit für mich, also werd ich sie nicht belästigen.

Ich bin mir total unschlüssig, ob ich Hilfe brauche, ob ich sie jetzt brauche. Mir gehts grad nicht schlecht, auch wenn ich so stumpf fühle. Ich bin mir nicht sicher, ob die Diagnose das große Erdbeben war, einen Tsunami an Gefühlen haben wir ja schon hinter uns. Ich weiß aber nicht, ob des Löwenbabies Tod und die Beisetzung das noch größere Erdbeben sind oder ein sehr großes Nachbeben und ich weiß, da kommt dann noch ein Tsunami, ich weiß aber nicht, wie groß der ist. Ich hab mords schiß vor dieser Welle. Gestern lag ich mit dem kleinen hübschen Löwen, mit dieser total ultrazarten Haut, den feinen Gesichtszügen, diesen tollen blauen Augen, die er von meinem Papa hat und diesen schnuckelig kaffeebraunen Haaren auf der Decke und auch wenn er sonst inzwischen meist durch einen durchschaut hatte ich den Eindruck, wir kommunizieren mit den Augen miteinander. Das war ein so intensiver Moment und ich hab ihn gestreichelt, jeden seiner Gesichtszüge nachgefahren, versucht dieses wunderschöne Gefühl einzufangen, wie sich seine Haut unter meinen Fingern anfühlt und doch zu wissen, es ist vergänglich.

Es ist, wie wenn man meinen Kopf unter Wasser taucht, bis die Lungen schmerzen, bis alles brennt, alles schreit und ich hab still geweint, bis mein Gesicht und seines ganz naß waren. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Ich will nicht, dass er geht. Aber ich war tapfer und hab ihm gut zugeredet, hab ihm wieder von seinem Schutzengel erzählt, der ihn bald abholen kommt, ihn an der Hand nimmt und ihn in den Himmel bringt, dass er sich freuen darf, weil seine Uroma dort auf ihn wartet und sein Uropa auch und sie auf ihn aufpassen werden, bis wir nachkommen. Das wir aber noch eine ganze Weile hier sein werden. Das er jetzt nur einen anderen Weg geht, als wir, wir uns ganz, ganz sicher wieder sehen werden und ich ihn in meinem Herzen tragen werde, bis wir uns wiedersehen. Das seine Uroma ihm immer „Weil ich Jesu Schäflein bin“ vorsingen wird, so wie wir es bei seiner Taufe gesungen haben, so wie sie es mir und meiner Mama schon immer vorgesungen hat. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn so schrecklich lieb habe, er so gewünscht war, wir uns so über ihn freuen, wir ihn aber gehen lassen, weil wir nicht wollen, dass er sich so arg quälen muß und er einfach gehen darf, wenn sein Moment gekommen ist, wenn sein Schutzengel ihm die Hand hinhält.

In solchen Momenten spüre ich dieses Erdbeben, spüre ich diesen Tsunami und ich hab Angst, dass er mich einfach mit wegspült.

Wie hält man das aus, wenn der Muck nicht mehr da ist? Wenn ich so beschissen abgeklärt wie gerade eben bin denk ich mir, wir begraben ihn einfach, ich nehm die Flöte und hab Zeit zu spielen, ich geh raus und schneid endlich die Rosen fertig, ich putz das ganze Haus mal wieder ordentlich sauber. Aber ich befürchte, das wird ganz anders. Davor hab ich Angst, Angst, Angst.

Einerseits kann ich diesen täglichen Horror kaum mehr aushalten, andererseits heißt das den kleinen Löwen nicht mehr zu haben. Aber es ist ja nicht so, dass es ihm gut gehen würde, das er hier rumkrabbeln, brabbeln würde. Er liegt wie ein Schluck Wasser in meinem Arm und es geht ihm nicht gut. An was klammere ich?

Ach ist das alles scheiße. Scheiße. SCHEIßE. Darf man ja mal sagen, oder?

Ich möchte mich von einem Psychiater oder wie die alle heißen beraten lassen, mich jetzt darum kümmern, wo ich die Zeit, Gelegenheit und Ressource dazu habe. Es wäre idiotisch zu warten, bis ich wirklich wen brauche und dann noch keinen Kontakt hab. Ich hab heute auch schon bei einer versucht anzurufen, die einen so imposanten Namen hatte, dass ich mir schon versucht hab vorzustellen, was das wohl für eine Frau ist hinter dem Namen. Am Anrufbeantworter war aber ein Name von einem ganz anderen Psychiater, auch ganz anderer Name. Vielleicht macht sie es nicht mehr. Jetzt muß ich morgen nochmal schauen, vielleicht auch beim Bunten Kreis anrufen, ob die wen speziell für so einen Fall wissen.

Unser Kinderarzt hatte ja schon angekündigt, dass es passieren kann, bzw. nicht unwahrscheinlich ist, dass der Löwe sich so arg verschluckt, das er mangels Kraft nicht mehr abhusten kann. Erst kürzlich hat er sich furchtbar verschluckt, vorhin aber beim Essen so arg, dass er fast erstickt wäre. Ich bin so erschrocken, hab die Kinder ins Wohnzimmer geschickt. Mir sitzt der Schreck immer noch in den Gliedern. 😦 Seitdem schläft er, er war völlig am Ende danach.

Ich habe mir immer wieder vorgestellt, wie es sein könnte, wenn… ich weiß nicht, ob ich das aushalten kann.