tickst Du noch richtig oder schnappst Du schon über

Thema Glaube: ich bin da grad irgendwie sehr durcheinander. Ich habe schon öfter mit Gott gehadert und gerade jetzt hadere ich am meisten. Ich hab schon öfter ans Konvertieren gedacht, es aber immer verworfen. Gestern dachte ich mir, was bringt konvertieren? Wahrscheinlich nichts. Es ist immer eine andere Art zu glauben. Selbst wenn ich konvertiere, hätte dieser Gott, dieses an das man glaubt, was auch immer es ist, es nicht verhindern können, das mein Löwenbaby diesen scheiß Morbus Krabbe hat. 😦

Die Frage ist, ob Gott es gemacht hat, es hätte verhindern können oder es gar gewollt hat und ja, ich frage warum.

Anderes Thema.

Woher weiß man, ob man psychologische Unterstützung braucht? Braucht man sie überhaupt in meiner Situation? Kann man es ohne schaffen? Woran merkt man, dass man überschnappt? Merkt man das überhaupt oder ist es zu spät, wenn man es merkt, weil man dann schon übergeschnappt ist? Ist es schlimm, wenn man überschnappt oder gehört es dann dazu?

Ich glaube, alle finden mich gerade merkwürdig. Ich finde mich auch merkwürdig. Ich erzähle über den Löwen, als ginge es um ein Spaghetti-Rezept. Ich bin grad sowas von emotionslos, das es schon wieder weh tut. Das fühlt sich sehr seltsam an. Gestern hatte unser Dekan angerufen und wollte wissen, wie es uns nach der Taufe noch ging und jetzt geht. Der Löwenpapa ist ja wieder weg und jetzt im Moment schreibt er eine wichtige Prüfung, auf die er nicht wirklich vorbereitet ist. Ein Stoßgebet spar ich mir jetzt mal, bringt ja eh nix.

Ich dankte dem Dekan nochmal für den schönen Gottesdienst, habe aber nicht gesagt, dass es mir zuviel darum ging, dass der Löwe bald wieder gehen muß. Muß ja nicht. Es war schön, wie es war und eine so besondere Situation, dass es dafür kein Patentrezept gibt. Ich habe ihm auch erklärt, dass ich die Taufe bewußt als Tauffest und nicht als vorgezogene Trauerfeier für mich sehen wollte und das ich deswegen alle Tränen runtergeschluckt habe und mit dem Löwenbaby am Nachmittag die Sonne genossen habe. Er entschuldigte sich prompt dafür, dass er mehrmals weinen mußte und bedankte sich, als ich das als rein menschlich sah und mir zeigte, dass er ein richtig großes Herz haben muß, wenn ihn unsere Geschichte so sehr zu Tränen rührt. Das fand er groß von mir.

Er fragte, ob ich jetzt alleine sei, bzw. wer mir beistehen würde, ob ich Freunde hätte, die mich nicht allein lassen. Ich erzählte, dass manche enge Freunde sich nicht mehr melden, ich es ihnen aber nicht übel nehme, weil sie wahrscheinlich mit der Situation überfordert sind und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, sich selbst schützen müssen oder Angst haben, sich falsch zu verhalten. Das müsse man so hinnehmen und respektieren. Das fand er auch sehr groß von mir und fand, dass ich sehr stark sei und unheimlich viel Kraft hätte. Als ich ihm dann sagte, dass das gar nicht so sei, wußte er auch nichts mehr zu sagen und ich glaube, er dachte, ich schnappe über. Und seitdem denk ich drüber nach, ob ich vielleicht wirklich überschnappe. Irgendwas stimmt vielleicht nicht mit mir, aber hier in meinem Leben stimmt ja gar nichts mehr. Wie soll dann mit mir alles stimmen?

Ich habe mehrere Nummern bekommen. Jeder meinte es gut, und dachte mir jemanden benennen zu müssen, der mir evtl. gut helfen könne aber immer mit dem Hinweis, ich solle dazu sagen, von wem ich die Nummer habe, weil sie das nur nebenbei machen würden oder nur zur Trauerbegleitung oder oder oder. Eine Nummer ist von einer systemischen Familientherapeutin. Hm. Weiß auch nicht, was ich davon halten soll, zumal die Nummer von der Dame im Hospiz ist, die hat sie nur ergoogelt, wollte mich etwas unterstützen – sie kennt sie aber nicht. Im Klinikum ruf ich garantiert nicht mehr an, da hätte ich die Nummer von ner Therapeutin, aber die hatte bis jetzt keine Zeit für mich, also werd ich sie nicht belästigen.

Ich bin mir total unschlüssig, ob ich Hilfe brauche, ob ich sie jetzt brauche. Mir gehts grad nicht schlecht, auch wenn ich so stumpf fühle. Ich bin mir nicht sicher, ob die Diagnose das große Erdbeben war, einen Tsunami an Gefühlen haben wir ja schon hinter uns. Ich weiß aber nicht, ob des Löwenbabies Tod und die Beisetzung das noch größere Erdbeben sind oder ein sehr großes Nachbeben und ich weiß, da kommt dann noch ein Tsunami, ich weiß aber nicht, wie groß der ist. Ich hab mords schiß vor dieser Welle. Gestern lag ich mit dem kleinen hübschen Löwen, mit dieser total ultrazarten Haut, den feinen Gesichtszügen, diesen tollen blauen Augen, die er von meinem Papa hat und diesen schnuckelig kaffeebraunen Haaren auf der Decke und auch wenn er sonst inzwischen meist durch einen durchschaut hatte ich den Eindruck, wir kommunizieren mit den Augen miteinander. Das war ein so intensiver Moment und ich hab ihn gestreichelt, jeden seiner Gesichtszüge nachgefahren, versucht dieses wunderschöne Gefühl einzufangen, wie sich seine Haut unter meinen Fingern anfühlt und doch zu wissen, es ist vergänglich.

Es ist, wie wenn man meinen Kopf unter Wasser taucht, bis die Lungen schmerzen, bis alles brennt, alles schreit und ich hab still geweint, bis mein Gesicht und seines ganz naß waren. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Ich will nicht, dass er geht. Aber ich war tapfer und hab ihm gut zugeredet, hab ihm wieder von seinem Schutzengel erzählt, der ihn bald abholen kommt, ihn an der Hand nimmt und ihn in den Himmel bringt, dass er sich freuen darf, weil seine Uroma dort auf ihn wartet und sein Uropa auch und sie auf ihn aufpassen werden, bis wir nachkommen. Das wir aber noch eine ganze Weile hier sein werden. Das er jetzt nur einen anderen Weg geht, als wir, wir uns ganz, ganz sicher wieder sehen werden und ich ihn in meinem Herzen tragen werde, bis wir uns wiedersehen. Das seine Uroma ihm immer „Weil ich Jesu Schäflein bin“ vorsingen wird, so wie wir es bei seiner Taufe gesungen haben, so wie sie es mir und meiner Mama schon immer vorgesungen hat. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn so schrecklich lieb habe, er so gewünscht war, wir uns so über ihn freuen, wir ihn aber gehen lassen, weil wir nicht wollen, dass er sich so arg quälen muß und er einfach gehen darf, wenn sein Moment gekommen ist, wenn sein Schutzengel ihm die Hand hinhält.

In solchen Momenten spüre ich dieses Erdbeben, spüre ich diesen Tsunami und ich hab Angst, dass er mich einfach mit wegspült.

Wie hält man das aus, wenn der Muck nicht mehr da ist? Wenn ich so beschissen abgeklärt wie gerade eben bin denk ich mir, wir begraben ihn einfach, ich nehm die Flöte und hab Zeit zu spielen, ich geh raus und schneid endlich die Rosen fertig, ich putz das ganze Haus mal wieder ordentlich sauber. Aber ich befürchte, das wird ganz anders. Davor hab ich Angst, Angst, Angst.

Einerseits kann ich diesen täglichen Horror kaum mehr aushalten, andererseits heißt das den kleinen Löwen nicht mehr zu haben. Aber es ist ja nicht so, dass es ihm gut gehen würde, das er hier rumkrabbeln, brabbeln würde. Er liegt wie ein Schluck Wasser in meinem Arm und es geht ihm nicht gut. An was klammere ich?

Ach ist das alles scheiße. Scheiße. SCHEIßE. Darf man ja mal sagen, oder?

Ich möchte mich von einem Psychiater oder wie die alle heißen beraten lassen, mich jetzt darum kümmern, wo ich die Zeit, Gelegenheit und Ressource dazu habe. Es wäre idiotisch zu warten, bis ich wirklich wen brauche und dann noch keinen Kontakt hab. Ich hab heute auch schon bei einer versucht anzurufen, die einen so imposanten Namen hatte, dass ich mir schon versucht hab vorzustellen, was das wohl für eine Frau ist hinter dem Namen. Am Anrufbeantworter war aber ein Name von einem ganz anderen Psychiater, auch ganz anderer Name. Vielleicht macht sie es nicht mehr. Jetzt muß ich morgen nochmal schauen, vielleicht auch beim Bunten Kreis anrufen, ob die wen speziell für so einen Fall wissen.

Unser Kinderarzt hatte ja schon angekündigt, dass es passieren kann, bzw. nicht unwahrscheinlich ist, dass der Löwe sich so arg verschluckt, das er mangels Kraft nicht mehr abhusten kann. Erst kürzlich hat er sich furchtbar verschluckt, vorhin aber beim Essen so arg, dass er fast erstickt wäre. Ich bin so erschrocken, hab die Kinder ins Wohnzimmer geschickt. Mir sitzt der Schreck immer noch in den Gliedern. 😦 Seitdem schläft er, er war völlig am Ende danach.

Ich habe mir immer wieder vorgestellt, wie es sein könnte, wenn… ich weiß nicht, ob ich das aushalten kann.

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