Posts Tagged ‘Schmerz’

Es wird schon irgendwann wieder. Aber nie mehr gut.

24. Juni 2012

Ich habe schon lange nicht mehr gebloggt. Unser Leben ist zur Zeit voller Leben. Ein bißchen zu viel davon. Ich habe zu wenig Zeit für mich. Der Bau unseres Hauses beansprucht uns sehr, auch wenn wir selbst keinen Stein in die Hand nehmen. Das Drumherum ist ein mords Gerenne. Selbst der Umzug erfordert jetzt schon Vorarbeit und wenn es nur das Entrümpeln des Dachbodens und Kellers ist, um einen Makler ins Haus zu holen, ohne sich schämen zu müssen.

Obwohl alles so voll ist, die Zeit zu wenig, ist Johannes immer mit dabei. Es ist wenig Zeit für Schmerz, aber wenn dann intensiv. Er fehlt. Egal wann. Egal wo. Überall.

Immer öfter kommen Gedanken durch wie es wäre wenn er gesund wäre. Wie alt er wäre, man fängt an zu rechnen und ich ärgere mich dann darüber, dass ich es nicht präsent, sofort auf dem Schirm habe. Was er wohl tun würde. Was er mögen würde. Was sein Lieblingsspielzeug wäre. Was er für einen Spitznamen hätte. Was er am liebsten essen würde. Was er für Marotten hätte… Wer wäre er? Wie würde sich seine Stimme anhören? Wie würde sich „Mama“ oder „Papa“ aus seinem Mund anhören?

Beim Dachboden räumen falle ich immer wieder über Spielsachen, über die er sich jetzt sicher riesig freuen würde. Auch über die Stoffwindeln, die wir erstmal behalten wollen. Soll da nochmal ein Baby rein? Will ich das? Schaffe ich das? Kann ich mir das überhaupt vorstellen? Was wäre, wenn ich nicht wollen würde, ich es bereue, es aber zu spät ist? Was ist, wenn ich will und es klappt nicht? Was gebe ich auf? Was würde ich gewinnen? Ich finde Babies immer noch ziemlich komisch. Nicht böse gemeint, aber vielleicht wie kleine Aliens? Wie zum Teufel schaffen sie es, ihren Kopf zu halten? Diese Zappelei ist normal und schaut für mich so unnormal aus. Ich habe kein normales Verhältnis mehr dazu. Hätte vermutlich ständig Sorge, ob alles normal ist. Total verschroben.

Warum ist der Mensch so? Ich könnte auch sagen, meine Familie ist komplett und fertig. Warum machen Kopf und Herz da ihr eigenes Ding? Alle Denkerei ist sinnlos, so lange wir nichtmal wissen, ob wir über die Humangenetik erfolgreich sind. Ob die genetische Untersuchung bei uns überhaupt bezahlt werden wird von den Versicherungen und ob wir mit den Ergebnissen was anfangen könnten. Aber wo ist die Stopp-Taste?

Mir ist völlig abhanden gekommen, in die Zukunft zu denken. Vor Johannes hatte ich schon immer irgendwie so nen Plan von meinem Leben. Das ist jetzt ganz anders. Ich muß oft genug zum Wochenende hin ganz bewußt schauen, was nächsten Montag ist. Nächste Woche Freitag ist gefühlte Jahrhunderte weit weg. Unstrukturiert hoch 10. Inzwischen glaube ich, es wird schon irgendwann wieder werden – aber es wird nie mehr gut.

Arbeiten macht immer noch wahnsinnig viel Spaß und erfüllt mich sehr. Ich bin dort zwar immer noch nicht ich, aber egal. Das, was ich da bin, ist lustig. Zwar nicht ich und nicht authentisch, aber lustig.

Ich bin gerade warum auch immer sehr auf Krawall gebürstet und in einer fetten Anti-Stimmung. Lust auf extrem, anders sein, nicht gewöhnlich. Äußert sich in Haare immer kürzer, krasse Farben gehen leider nicht wegen meines Berufes. Und ich hab Bock auf Totenkopf-T-Shirts in fiesen Farben. Mein armer Mann. Ich glaube, das streßt ihn etwas. Aber es fällt mir so schwer, angepasst zu sein.

Hier im Garten blüht inzwischen Johannes Rose. Wir haben sie letztes Jahr von einer ganz lieben (Tuscany *wink*) geschenkt bekommen. Ich hatte ihr überlassen, welche Rose sie uns schickt. Wunderschön von ihr assoziiert. So klein und zart wie Jo war. Die Farben so dezent wie sein Teint. So leicht duftig wie kleine Babies. Sie bereitet uns große Freude. Die einzelne Blüte duftet eigentlich gar nicht wirklich. Wenn ich auf die Terasse komme, ist er aber da, der Duft der ganzen Rose. Eben wie ein kleines Baby, so lieblich. Die Farben erst ganz zart apricot, wechseln bis ins Weiß. Wunderschön!

Kleine Wildbienen die schon länger in unserem Garten wohnen mögen sie sehr. 🙂

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Vor kurzem freute ich mich mal wieder über ein richtiges Löwen-Geschenk für den Löwen. Danke, liebe Dani! Die Idee war wundervoll. Sehr, sehr lieb!

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Danke für`s immer wieder bei uns Reinschauen!

Viele Grüße aus dem irgendwo und nirgendwo

die Löwenmama

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Heute vor einem Jahr – die Diagnose

18. März 2012

Es ist genau ein Jahr her, das wir die Diagnose des kleinen Löwen erhielten. Es war ein Freitag, 14.00 Uhr, als mein Herz in tausende Stücke gerissen wurde.

Irgendwie hatte ich es schon geahnt. Der kleine Muck war noch von der Narkose der Lumbalpunktion in einem wirklich jämmerlichen Zustand. Solche Eingriffe steckte er wirklich richtig schlecht weg. Und auch der Mb Krabbe hatte schon ordentlich an ihm genagt, ihm ordentlich zugesetzt.

Irgendwie hatte ich es geahnt, das sowas blödes dabei rauskommen könnte, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und sie starb an diesem Nachmittag endgültig und mit der Diagnose auch ein Teil von mir, von uns allen. Voller Hoffnung gingen wir in diesen Termin, mit großen Bauchschmerzen, gewappnet für vieles. Aber dafür kann man sich nicht wappen. Das ist zu groß. Zu schmerzhaft. Zu schrecklich und pervers.

Ein Freitag Nachmittag für eine solche Diagnose. Der vermutlich denkbar schlechteste Zeitpunkt. Aber die Ärztin wählte diesen. Warum auch immer. Vielleicht dachte sie, der Zeitpunkt wäre gut. Weil vielleicht weniger los ist und mehr Ruhe herrscht. Vielleicht dachte sie aber auch nicht nach. Vielleicht hatte sie vorher keine Zeit? Vielleicht hatte sie keine Erfahrung?

Kein Groll, weil sie uns diese Diagnose mitteilen mußte. Nein. Sie hat in der Diagnostik einen guten Job gemacht. Sie konnte dem, was Johannes hat, endlich einen Namen geben und uns in gewisser Hinsicht erlösen. Zu wissen, was auf einen zukommt ist x mal besser, als nichts zu wissen und ertragen zu müssen, das der Ausgang völlig offen ist.

Aber wie uns das alles verklickert wurde, das ganze „drumrum“, das war wirklich krass und ist unentschuldbar. Wir empfanden (und empfinden immer noch) das als höchst unprofessionell. Mit dem Wissen heute können wir sagen, dass man das um viele Stufen hätte besser machen können. Wie man jemandem so etwas sagt, ist wirklich wichtig für die Seele. Mit unseren Seelen wurde nicht gut umgegangen.

In der Vergangenheit konnten wir mit verschiedenen Menschen sprechen und im Regelfall wird man nach so einer Diagnose aufgefangen. Wir wurden nicht aufgefangen.

Ich bin Polizeibeamtin und mußte schon oft Menschen mitteilen, dass das Liebste, der Partner, die Ehefrau oder gar das Kind ums Leben gekommen ist. Und ich konnte mich nie wesentlich darauf vorbereiten. Entweder hatte ich den Verkehrsunfall selbst aufgenommen oder ich wurde im Streifenwagen sitzend davon informiert, dass xy ums Leben gekommen ist und wir das bitte der Frau soundso mitteilen sollen. Hinfahren, klingeln, sagen. Keine nennenswerten Möglichkeiten, sich darauf vorzubereiten. Spontan. Und ich behaupte jetzt einfach mal, dass ich guten Gewissens sagen kann, dass ich niemals jemanden zurückgelassen habe, den ich durch mein unprofessionelles Auftreten zusätzlich traumatisiert habe. Egal ob es ein Glas Wasser war, das ich gebracht habe, einen lieben Menschen den man hat anrufen können um den Trauernden nicht allein zurück zu lassen, ob man einen Seelsorger oder ein Kriseninterventionsteam hinzugezogen hat. Diese Nachricht zu überbringen ist Teil meines Berufes, ich wurde dazu ausgebildet und den Rest muß man selbst mitbringen. Es ist richtig schlimm, jemanden so etwas zu sagen. Aber man kann es so tun, dass derjenige das Gefühl hat, er ist nicht allein. Er wird aufgefangen. Es wird ihm beigestanden. Da ist jemand da. „Ich kümmere mich um Dich!“

Als wir die Diagnose erhielten, war das nicht so. Ich hatte in der Zeit zwischen Lumbalpunktion und Diagnose schon um psychologische Unterstützung gebeten, weil es mir sehr schlecht ging. Es hieß, da würde sich „ganz schnell“ jemand bei mir melden. Es hat sich niemand gemeldet. Warum ich nicht selbst nochmal nachgefragt hatte? Ich hatte die Ressourcen nicht mehr.

Bei diesem Termin am 18. März 2011 um 14.00 Uhr baten wir wieder um psychologische Unterstützung. „Da ist jetzt aber keiner da!“, sagte uns die Ärztin.

„Wie kann es sein,“ fragte ich, „dass ich im Dienst zu jeder Tages- und Nachtzeit jemanden der irgendwelche Firlefanz-Probleme hat und ein bißchen austickt, vielleicht einen heftigen Krach mit seinem Partner hat und in diesem Moment psychologische Unterstützung braucht ins Klinikum auf die entsprechende Station bringen kann und demjenigen wird geholfen und jetzt sagen Sie mir, dass unser Kind stirbt und da ist niemand da?“.

„Am Freitag Nachmittag ist niemand da, Sie müssen irgendwie das Wochenende überstehen und am Montag können Sie xy erreichen!“. Sagte sie. Und ich fühlte mich so verloren.

Ich hatte einen Heulkrampf, ich wußte nicht mehr wie ich Luft bekommen soll. Wie ich den Löwen in meinem Arm halten soll, weil ich keine Kraft mehr spürte, hatte Angst, er kullert mir aus den Armen. Ich dachte, ich komm mit dem Schnaufen nicht mehr hinterher. Es war eine kalte, trostlose Situation.

Was ich auch als richtig schlimm empfand war, dass sie nicht meinetwegen gesagt hat: „Johannes hat eine so schwere Krankheit, dass wir ihm nicht mehr helfen können, er wird leider sterben.“ Und dann den Rest erklärte. Nein, das Gespräch baute sich mit einem Spannungsbogen auf. Sie erklärte die ganzen Untersuchungen und Ergebnisse, vom Anfang bis zum Schluß und das Resultat lag schon irgendwie in der Luft. Irgendwie schlimm und bedrohlich hörte sich alles an. Sie machte immer wieder Pausen und wir fanden uns in der Situation ständig „und jetzt?!?“ zu fragen, bis sie letzten Endes irgendwann sagte, das er mit dieser Krankheit nicht leben kann und sterben wird. Dieser Spannungsbogen war wirklich unerträglich.

Alles andere zu der Erkrankung erfuhren wir nur grob und auf Nachfrage. Die Krankheit selbst erklärte sie schon, also dass ein Enzym fehlt und das Myelin deswegen zugrunde geht, … Aber als Laie kann man sich nicht vorstellen, wo das letzten Endes hinführt, also was mit Johannes genau passieren wird, was für Baustellen zu erwarten sind. Hierzu erfuhren wir staccatoartige Eckpunkte: „wird blind, wird taub, wird steif, stirbt“. Dazu die Anmerkung, das wir sicher googeln würden und ein paar Internetadressen.

Irgendwann zu Hause haben wir gegoogelt. Ich landete als erstes bei Wikipedia und klickte alle hinterlegten Stichworte an. Als ich am Bild des Opisthotonus hängenblieb, war es aus. So sollte mein Baby irgendwann daliegen? Das ging einfach gar nicht und wir vereinbarten einen Termin mit unserem Kinderarzt, der uns alles sehr genau erklärte.

Bei dem Diagnose-Termin wurden wir auch direkt darauf hingewiesen, das wir ab jetzt Anspruch auf einen ambulanten Kinderkrankenpflegedienst hätten. Und ein Flyer des hiesigen Kinderhospizes wurde uns mitgegeben. Wir hätten uns gewünscht, das man uns das alles behutsamer nahelegt.

Wenn man voller Hoffnung in so einen Termin geht, auch wenn man was blödes ahnt, ist das alles zu viel. Man kann es nicht gut aufnehmen und verarbeiten, weil man so sehr geschockt ist, nur noch auf Notbetrieb funktioniert. Im Nachhinein frage ich mich, ob wir überhaupt fahrbereit waren. Zumindest schien es so, ein Taxi wurde uns mal nicht angeboten. Ich in meinem Job habe eine Garantenstellung und muß das hinterfragen.

Ein Rezept händigte sie uns noch aus. Für die Luminaletten. Ich hätte in diesem Zustand nicht in eine Apotheke gehen können, ein vermutlich nicht mal vorrätiges Medikament zu holen. Auch hier hätte es sicher Möglichkeiten gegeben. Und es gab eine. Nachdem ich ihr unmißverständlich klargemacht habe, dass wir jetzt in diesem Moment definitiv nicht dazu in der Lage sind eine Apotheke anzusteuern und sie hier im Haus eine Krankenhausapotheke haben, bzw. irgendwie es sicher eine Möglichkeit gibt, dieses Medikament zumindest für ein paar Tage für Johannes zu organisieren, verneinte sie erst und ging dann doch los und kam mit einer vollen Packung zurück.

Und so machten wir uns auf den Heimweg. Mit dem Wissen, wie der Feind heißt. Mit der Gewissheit, dass wir unser Baby nicht mehr lange haben werden. Das unser kleiner Johannes, für den wir alles getan hätten, sterben wird. Mit der Angst, wie wird das den Kindern, der ganzen Familie sagen. Mit der krassen Ungewissheit, was kommt auf uns zu? Das kann doch alles gar nicht wahr sein. DAS IST EIN ALBTRAUM!!! Freier Fall ohne Rettungsschirm.

Niemand hätte gedacht, das Johannes ein Jahr nach der Diagnose bereits fast ein halbes Jahr lang nicht mehr lebt.

Die Sonne scheint da draußen so ein bißchen scheinheilig vor sich hin und tut so, als könnte das ein toller Tag werden. Aber heut ist unsere Seele einfach zu sehr von Schatten verdeckt.

miss you…

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Herzliche Grüße – wütend und gleichzeitig traurig

die Löwenmama

…Seelenherzschmerz…

19. Februar 2012

Du bist nicht da.

Einfach nicht mehr da!

Ich kann Dir nicht mehr die Stirn streicheln, Dich liebkosen, Dich liebhaben! Für Dich da sein. Dich riechen. Du hast immer so fein gerochen. Dich auf die kleine Stelle auf Deinem Nasenrücken küssen.

Du fehlst mir so sehr, ich könnte schreien. Ganz laut gellend Johannes schreien. Ob Du mich vielleicht irgendwo hörst? Der Schrei ist so laut in meinem Herzen, in meinen Ohren. Aber auf der Welt würde er nur leise verhallen. Nicht gewaltig genug.

Warum hat man mir mein Baby weggenommen. Wollte ihn haben, nie hergeben.

Durfte so sein, wie er war. Ich hab ihn trotz allem geliebt – und liebe ihn immer noch so sehr.

Wohin mit so viel Liebe?

So plötzlich bricht es immer über einen herein, dieser Seelenherzschmerz. An dem man verzweifeln könnte, wenn man wollte. Aber ich will nicht. Das andere drumherum ist zu wertvoll. Aber das andere wertvolle, das fehlt halt so sehr, dass das Loch, das es gerissen hat, immer wieder so doll weh tut, das man nicht recht weiß wohin damit!

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eure Löwenmama

Traumhafter Besuch

22. Januar 2012

Schon so lange hatte ich mir gewünscht, dass mich der Löwe im Traum besucht. Gestern hatte ich eine Wimper am Handrücken liegen und pustete und wünschte mir ein Zeichen von ihm.  Vergangene Nacht war der Löwe da.

Ich hatte im Traum Besuch von einer Dame des Pflegedienstes und Johannes lag in meinem Arm. Wir unterhielten uns darüber, wie es uns nach seinem Tod nun geht und währenddessen lag er in meinem Arm und ich erzählte, dass er nun schon seit über drei Monaten nicht mehr bei uns ist. Die Dame vom Pflegedienst meinte, es seien doch nie schon drei Monate und ich sagte ihr nochmal wann er gestorben ist und ja, es waren schon über drei Monate. Sie pflichtete mir bei.

Ich erzählte ihr, dass der Löwe keine Krämpfe mehr hatte, das es ihm gut ergangen ist im letzten Vierteljahr und plötzlich begann er zu Lächeln. Ich sagte es ihr, dass er sie anlächelt, er schäkerte richtiggehend. Das war so süß. Und als er so strahlte, da sah ich auf einmal das die unteren beiden Zähne durchspitzelten. Ich hatte mich so gefreut darüber.

Ich wachte auf und war einfach nur glücklich über diesen Traum. Ich bin nicht esoterisch drauf, aber es fühlte sich für mich wirklich so an, als hätte er meine Bitte gehört und mir mit seinem Besuch gezeigt, dass es ihm gut geht.

Dieser Traum berührt mich sehr.

Hier ist ein Bild. Ein Emotionsbild. Purer Schmerz, der wie Feuer brennt, tief in mir. Die Gefühlshölle die nach der Diagnose nur mit Hilfe dieses Bildes ihren Weg nach draußen fand.

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Es grüßt euch

die Löwenmama

Eiszeit

17. Januar 2012

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Gerade ist Eiszeit. Nicht in unseren Herzen, aber ich glaube gefühlsmäßig. Ich bin gerade wenig traurig. Wieder etwas Seelen-schon-Tage. Aber wenn ich eine Mama mit einem kleinen Bub sehe, tut es weh. Sehr weh. Komme ich in eine Mehrkindfamilie und alle wuseln so vor sich hin, steigen mir die Tränen in die Augen. Ich hätte das auch so gerne gehabt. Ich hatte es!! Aber alles ist anders und nichts mehr wie es war. Dann ist das fehlende Puzzleteil so konkret vor Augen. Das ist ein ganz neuer Schmerz, ein ganz anderer, mit einer neuen Qualität.

Ich habe öfter das Gefühl, als wäre die Trauer so groß und weit wie der Himmel. Mit vielen Wolken davor. Es spitzelt immer nur ein bißchen Blau, ein bißchen Trauer durch. Umso mehr die Trauer heilen konnte, umso mehr Blau kann sich zeigen, ohne das der Schmerz übermächtig wird. Aber ich glaube, wolkenlos wird es nie mehr werden. Ich spüre, wenn die Trauer durchspitzelt, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist und da viel, viel mehr ist.

Mein Mädchen spielt zur Zeit oft „Jo suchen“. Kurz drauf hör ich sie rufen: „Ich hab den Jo gefunden!“ Meist hat sie dann ein Stofftier im Arm und bettet es irgendwo oder sie tut so, als hätte sie ihn im Arm liege. Manchmal gibt sie ihn mir in den Arm mit einem Blick als würde sie sagen „Mußt gar nicht traurig sein, er ist doch da!“ Das bringt mich immer ganz durcheinander. So erwachsen fühlt sich ihr Spiel für mich sehr merkwürdig an.

Es grüßt euch herzlich

die Löwenmama

…ich vermisse nichts…

7. Oktober 2011

So fühle ich. …ich vermisse nichts… Und das ist es, was mir weh tut.

Ich dachte schon, mit mir stimmt was nicht. In immer sehr kurzen Momenten habe ich das Gefühl, als hätte ich einen winzigen Augenblick Zugang zu meinen Gefühlen. Wie wenn man einen wolkenverhangenen Himmel anschaut, der schon seit Tagen so ist und plötzlich dringt da ein kleiner Flecken hellblau durch und man weiß, dahinter ist noch mehr davon und schwupps ist die Wolkendecke auch schon dicht.

Am Grab kann ich weinen. Teilweise auch sehr arg. Da bricht so eine Hilflosigkeit über mich herein. Aber hier zu Hause weine ich teilweise gar nicht. Kein Zugang zu meinen Gefühlen.

Das schlimmste für mich ist, dass ich den Löwen nicht wirklich vermisse. Ich bin so weit weg von mir. Das fühlt sich richtig, richtig blöd an. Bilder von ihm stehen auf dem Küchentisch, seine Sachen liegen rum, aber ich habe kaum mehr ein Gefühl dafür, ein Baby gehabt zu haben. Der Löwe ist so weit weg. Ich bin von mir auch so weit weg. Und es ist so groß, es paßt noch immer nicht in meinen Kopf rein.

Ich vermisse kein Sondieren, kein Absaugen, keine Medikamente. Ich vermisse keinen Schleim, keine Temperaturschwankungen, keinen Pflegedienst. Keine durchwachten Nächte, die ich immer als viel zu kurz empfand.

Vielleicht kann ich deswegen den Löwen nicht richtig vermissen, weil das gerade ihn beherrscht hat. Es waren so viele Handgriffe zu tun, die mir oft zuwider waren. Also nicht der Handgriff an sich, ich hab jeden gern getan, sondern die Tätigkeit an sich.

Der Löwe, ganz ohne Sorgen, Ängste und diese medizinischen Interventionen ist so, so, so weit weg. Diese unbeschwerte Zeit war so wahnsinnig kurz. Das, was danach kam, so viel prägnanter.

Wenn ich auf dem ‚Spielplatz bin, sehe ich nicht mehr „ach der Löwe könnte das jetzt vermutlich auch schon, wenn…“. Ich erinnere mich, „Du hattest mal ein Baby, es wäre jetzt genauso alt“. Es fühlt sich bitter an, aber diese Vergleicherei findet gerade nicht statt. Es fühlt sich eher sehr dumpf an. Nicht mal ein richtiger Schmerz, sondern so ein dumpfes, nicht greifbares Gefühl.

Wenn ich Babies sehe in der Stadt, sehe ich sofort ein totes Baby. Vielleicht ist einfach noch so viel davor, vor diesen unbeschwerten Erinnerungen. Ach ich wünschte, sie wären einfach präsenter und der Rest würde in den Hintergrund treten.

Wenn ich an seinem Grab stehe und mit ihm spreche, wenn ich sein Bild auf dem Kreuz ansehe, dann fehlt mir der kleine Stinker so sehr. Sein Bettchen steht noch neben meinem. Ich dachte, wenn ich nachts aufwache, fasse ich instinktiv rüber, aber das ist nicht so. Vielleicht lauf ich doch nicht ganz rund.

Trauer ist vermutlich etwas sehr individuelles. Wer weiß schon im vorraus, wie man trauert?

Die Nächte sind zu lang. Ich schlafe schlecht. Kein erholsamer Schlaf. Ich bin sehr schreckhaft, oft plötzlich gehetzt und noch sehr angespannt. Zerstreut und unstrukturiert. Wir versuchen grad einfach jeden Tag so zu nehmen, wie er ist und was gutes draus zu machen. Meistens gelingt uns das.

Ich hab ein paar Alltagsengel, die hier mitlesen. Ich drück euch. Ihr seid echte Schätze.

Und ich bin gerade dabei, den ein oder anderen Brief aufzusetzen…

Es grüßt die

die Löwenmama

Therapietermin

11. April 2011

Ich war heute bei meiner Therapeutin, davon möchte ich euch erzählen. Ich war ja fast drei Stunden dort, hätte ich nie gedacht, die Zeit rannte. Wir redeten über Tod, sterben, beerdigen, ihr fiel auf wie selbstverständlich ich immer wieder schaute, ob der kleine Löwe noch schnauft und irgendwann wies sie mich drauf hin, dass hier der für mich perfekt geschützte Ort wäre, um mich fallen zu lassen. Ich dürfe ruhig weinen, es mir zugestehen. Es täte ihr so weh, mich so abgespalten zu sehen, sie würde am liebsten jetzt selbst weinen. Aber weinen war nicht. Ich kann nicht und will nicht weinen. Ich hab zu Hause meine Momente, da weine ich, da kann ich diesem Schmerz nachgeben, aber das ist grad nicht so oft. Diese Momente, wenn ich weinen kann, „nehme ich auch mit“ sag ich mal.

Kurz gesagt stellte sie fest, dass wir unser Leben erstaunlich reflektiert gut strukturiert haben. Sie konnte uns für nichts irgendwas mit auf den Weg geben, was wir nicht bereits selbst umgesetzt hätten. Ich sei schon mitten im Trauerprozess und würde das mit viel Kreativität angehen. Das fand sie gut. Allerdings sah sie auch, dass ich der Stützpfeiler für jegliche Struktur in unserer Familie bin und sie hat Angst, dass ich irgendwann zusammen breche und dann keiner mehr für mich da ist, der mich stützt. Aus diesem Grund will sie mir momentan auch noch meine Emotionslosigkeit, dieses Abgespaltene, lassen, da es offenbar jetzt gerade mein Weg ist, alles aushalten zu können. Auch diese ständige Situation, dass ich dauernd damit rechnen muß, dass er mir im Arm einschläft, nicht mehr aufwacht, erstickt oder was auch immer. Wir sind aber so verblieben, dass ich sie Tag und Nacht anrufe, wenn es mir nicht gut geht und ich reden will, Hilfe brauche, …!

Achso, wir kamen irgendwann aufs Thema Glaube zu sprechen und ich wurde furchtbar wütend. Da ich wütend werden konnte, ist das offenbar gerade mein Ventil, das fand sie perfekt gut. Also zu irgend ner Gefühlsregung bin ich doch noch in der Lage. 😉

So – jetzt hat jeder seinen eigenen Therapeuten. Wie bei den Amis. 😉 Mein Großer war heut auch.