Zauber-erde

*Lebenszeichen setz*

Ich schreib hier gerade nicht so viel und ich wüßte auch gar nicht was. Es ist gerade wenig spektakulär. Viel zu tun, man geht so mit. Gefühlsmäßig ein flaches auf und ab. Vielleicht bin ich auch gerade nicht so nah dran an meinen Gefühlen, das kann gut sein. Es sind doch immer wieder Situationen, die muß man halt schlucken. Gestern war so eine mal wieder…

Wir saßen beim Notar und es ging um einen Kinderbonus. Sagte hier: „Sie haben ja zwei Kinder, …!“ und ich dachte mir: „Nein, ich hab drei, aber das jüngste ist tot und deswegen zählt es nicht für Dich!“. Aber ich hielt brav meinen Mund. Es ändert ja nichts. Und ja, in der Sache rein rechtlich hat er recht. Ich habe nur zwei Kinder.

So wie kürzlich im Finanzamt, weil uns vor kurzem auffiel, dass wir den Kinderfreibetrag für den Löwen noch auf der Lohnsteuerkarte haben. Ich fragte, ob er die Sterbeurkunde einsehen müsse und er entgegnete, dass er das normal aus dem Computer ersehen kann. Konnte er nicht. Warum auch immer. Als hätte es ihn nicht gegeben.

Oder vor ein paar Tagen hatte ich ein Telefonat mit jemandem „vom Fach“, also der immer wieder mit verwaisten Eltern zu tun hat. Nach der Frage, wie es uns geht, war immer wieder Gegenstand des Gesprächs, das andere Eltern zu diesem Zeitpunkt, ein halbes Jahr nach dem Tod des Kindes, noch nicht so weit im Trauerprozess sind. Das es denen viel schlechter geht. Das wir scheinbar auf einem guten Weg sind. Aber immer wieder die Feststellung, das andere Eltern erst nach Jahren an einen solchen Punkt kommen. Ich war nach diesem Telefonat verunsichert. Hatte während des Telefonats das Gefühl, ich muß mich dafür rechtfertigen, dass es mir gut nicht schlechter geht. Ich mußte das erst zer-denken und dann wurde ich sauer. Richtig sauer.

Ich neige nicht dazu, vor anderen plötzlich in Tränen auszubrechen. Aber das muß ich auch nicht. Ich darf so trauern, wie ich mag. Und nur, weil ich nicht spontan vor anderen ständig heule und wie das Leiden Christi durch die Gegend trabe heißt es nicht, das ich nicht trauere. Ich trauere auf meine Art. Irgendwie kann man es nie recht machen. Entweder man trauert nicht „richtig“ (was auch immer das sein mag) oder man trauert immer noch, wo es doch schon sooo lange her ist und man jetzt ja schon mal langsam drüber hinweg sein könnte.

Ich werde nie drüber hinweg sein. Hinweg heißt für mich erledigt. Diese Trauer wird sich verändern. Es werden Löcher kommen, Hoch und Tief werden sich abwechseln. Vielleicht gleichmäßig, vielleicht irgendwann längere Hochs und dafür tiefere Tiefs. Was weiß ich. Aber ich werde meine Trauer über den Tod meines Babies immer in mir tragen. Und es geht niemanden etwas an. Niemand anderer kann sagen, wie richtige Trauer auszusehen hat. Wie ich trauern soll, damit es für die anderen paßt. Mein zorniges Wort zum Sonntag. Löwenmama auf Krawall gebürstet.

Vorletzte Nacht hab ich geträumt vom Löwen, das zweite Mal seit seinem Tod und war wieder sehr verwirrt. Er war schon tot, aber plötzlich wieder da. Er war so hübsch und ganz gesund. Er war mir so fremd, aber auch so vertraut. Er machte einen Haufen Quatsch, lachte, wackelte mit dem Kopf als wollte er sagen „Mama, kuck, ich kann ihn jetzt halten!“. Er kletterte die Treppe rauf und runter und machte wilde Turnübungen.

Was sollen mir dieser Traum sagen? „Mama, mir geht`s jetzt gut?“ Oder ein Wunschtraum?

Nächste Woche ist mein erster Dienst, ich arbeite ab da wieder. Ein neuer Lebensabschnitt. Ich freue mich sehr. Bin aber sehr nervös.

Schaut mal, wir haben Zauber-erde. Vor einer Weile frisch aufs Löwengrab aufgebracht und jetzt wachsen kleine Sternchenblumen überall… sie sehen ein bißchen aus wie seine Sternchenaugen.

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Herzliche Grüße

die Löwenmama

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9 Antworten to “Zauber-erde”

  1. astarte81 Says:

    Liebe Löwenmama,

    Trauer wie du magst- das ist deine Trauer, dein löwenbaby- niemand sollte sich ein urteil darüber erlauben….und wenn du nicht vor andern weinst, woher nehmen sich Leute das Recht dann zu denken du weinst nie.
    Behalte du mal deinen Löwen ruhig im Herzen, genau wie deine trauer und dein nicht „Drüberwegsein“- das geht nur dich/euch was an.
    Viele liebe Grüße von uns….

    PS: Die Blümchen hab ich hier im Garten auch, wunderschön.

  2. Arina Says:

    War diese Frau wirklich vom Fach? Oder hat sie noch nie von einer Trauerspirale gehört und dass diese zeitlich völlig unabhängig ist. Und weil es eben Spirale heisst, dass jede Phase immer wieder auftreten kann / wird.
    Eine Spirale hat kein Anfang und kein Ende, sie endet nie. So wie deine Trauer nie enden kann um den Löwen.
    Vlt. konnte die Frau aber einfach nicht erkennen, dass du die Trauer nicht nach aussen trägst….

  3. Brisu Says:

    Liebe Löwenmama,

    Nein, du musst dich nicht rechtfertigen, wenn es dir auch mal gut geht und du schöne Momente erlebst. Das ist dein gutes Recht! Denn wie wäre der Verlust deines Babys sonst auszuhalten?
    Dein Löwe wird immer fehlen. Er war ein Teil von dir – nein, er IST ein Teil von dir!
    Aber du hast eine wunderbare Familie, die mit dir trauert und die dich auffängt… Aber das nimmt die Trauer nicht weg, es macht sie nur erträglicher. Und den Platz deines Löwen kann nichts und niemand ersetzen!

    Meine Schwester hat ein Baby in der frühen ss verloren. Obwohl sie inzwischen 7 gesunde Kinder hat, fehlt ihr dieses Baby nach alle den Jahren dennoch. Diesen Platz kann auch keines ihrer Kinder ersetzen.

    Und euer Löwe, der ja so viel länger bei euch sein durfte, hat eine riesige Lücke hinterlassen und dazu noch viiiele wunderbaren Momente und Erinnerungen. Und bei jedem Erinnern schmerzt es einfach, dass er nicht mehr da ist.

    Ich wünsche dir für nächste Woche einen guten Start ins Arbeitsleben!

    Herzliche Grüße,
    Brisu

  4. tigerundbaer Says:

    „Irgendwie kann man es nie recht machen. Entweder man trauert nicht “richtig” (was auch immer das sein mag) oder man trauert immer noch, wo es doch schon sooo lange her ist und man jetzt ja schon mal langsam drüber hinweg sein könnte.“

    Ja, schon komisch, dass manche Menschen (in meinem Umfeld bevorzugt die kinderlosen) so genau wissen, wie man zu trauern hat, wenn sein Kind stirbt. Es ist exakt wie Du es sagst: entweder ist jetzt ja wohl mal alles lang genug her oder man wird schief angesehen wenn man lacht. Aber weißt Du was? Solche Leute haben keine Ahnung. Sie haben schlichtweg nicht die geringste Ahnung, was wir mitmachen / durchmachen / wie auch immer. Die können uns alle schön in Ruhe lassen.

    Ich bin auch nicht das Leiden Christi. Gerade geht es mir gut. Und das lasse ich mir nicht verbieten. Ebensowenig wie die Tatsache, dass es mir auch noch in fünf, zehn, zwanzig Jahren immer wieder mal schlecht gehen wird, weil Madita so sehr fehlt.

    Einen schönen Start ins Arbeitsleben wünsche ich Dir … hier geht die Uni auch nach Ostern wieder voll los, gleich mit einer Klausur.

    Sei umarmt von Mareike

  5. Flora_77 Says:

    Du solltest die Worte der Dame über Trauer nicht auf die Goldwaage legen. Sie hat nicht erlebt, was ihr erlebt habt. Sie wollte bestimmt nicht urteilen, sondern nur trösten mit ihren Worten, euch irgendwie Mut machen. Wobei es natürlich keinen Trost gibt, sondern nur Zeit, die vergeht. Und das wird sie auch wissen!

    LG, Flora

  6. elokeen Says:

    Muss man sich solche „Leute vom Fach“ eigentlich „antun“? Ich meine, Hilfe ist ja schön, bin ich absolut für. Aber man sollte sich nach solchen Gesprächen nicht schlechter fühlen als vorher oder sauer sein. Finde ich schade und kann Deine Wut echt verstehen.

    Liebe Grüße,
    Maren

  7. elokeen Says:

    PS: Die Blümchen sind zauberhaft. Meine Eltern haben solche auch im Garten. Wollte mich noch schlau machen, was das eigentlich für welche sind. Mag die auch gerne auf unserem Balkon haben im nächsten Jahr.

  8. "ella" Says:

    Ich hab Tränen in den Augen, Deine Zeilen haben mich sehr berührt.
    Ich will so viel sagen, aber bringe es nicht in richtige Worte.

    Drum schick ich Dir viele liebe Gedanken una JA, sei, leb, liebe und trauere genau so, wie es für DICH gut ist. DU gehst Deinen Weg, niemand anderer und Du darfst entscheiden wie, in welchem Tempo und wohin!

    lg, ella

  9. UteP. Says:

    War eigentlich schon weg… ;))

    Musste aber über das Gespräch mit dem Menschen „vom Fach“ nachdenken….

    Ich interpretiere das anders:

    Ich könnte mir vorstellen, dass er/sie (?) das JEDEM Gegenüber sagt….

    ….um Hoffnung auszusprechen

    ….als „Lob“, wie gut die Trauerarbeit vorangegangen ist

    …usw. (könnte so eine Art „psychologischer Schachzug“ sein)

    Und ganz bestimmt wollte er/sie nicht, dass du nach dem Gespräch sauer bist, du bist nur sehr sensibel bei diesem Thema und hast es für dich SO ausgewertet.

    Was ich nur ankreide ist: Dass eben NICHT daraufhingewiesen wurde von diesem Fachmenschen, dass Trauer etwas Individuelles ist und von Mensch zu Mensch verschieden ist.

    Liebe Grüsse

    Ute

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