„Mama, was ist gestorben?“ …

„Mama, was ist gestorben?“ ‚“Gestorben ist, wenn man der Mami Marienkäferchen vom Himmel schickt um ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, statt Quatsch zu machen.“

Dieser Satz fiel mir letztens spontan ein, als ich draußen den Rasen mähte. Ich machte mir Gedanken darüber, was man wohl im Himmel so macht. Denn auch wenn ich nicht mehr an Gott glaube, denke ich immer noch, dass es sowas wie den Himmel gibt. Vielleicht so eine Art Ort wo man sich eine Weile aufhält und einfach ist, bevor man eine neue Aufgabe bekommt und die Seele ihre Flügel wieder weit aufspannt und in ein neues Zuhause, ein neues Leben fliegt.

Dann sitzt man im Himmel und hat so furchtbar viel zu tun. So furchtbar viel Spaß. Und Johannes hat viel nachzuholen, war doch sein letztes Leben ziemlich spaßfrei und anstrengend. Ab und zu schaut er mal zu mir runter oder manchmal bitte ich ihn darum, auf mich oder den Papi oder die Geschwister besonders gut aufzupassen. Manchmal klingle ich nach ihm mit meinem Engelrufer, aber nur wenn es ganz, ganz dringend ist. Und dann sieht er mich vielleicht weinen, spürt meine Verzweiflung. Und dann schickt er sie, die Marienkäferchen. So stell ich mir das vor.

Die letzte Zeit war ich so quirlig. Kaum zu Hause. Wirklich ständig auf Achse. Habe Überstunden noch und nöcher gemacht. Lauter Projekte begonnen. An allen Fronten gekämpft. Wenn ich Johannes besuchte, war er oft so weit weg. Ich konnte nicht gut zu ihm hinfühlen. Ich ließ mich vom Leben mitnehmen, ich lachte, hatte Spaß. Aber irgendwie war ich das nicht. Die Maske lacht. Die Maske scherzt, macht zu lustige, zu blöde Witze. Und unter der Maske ist es dunkel. So eine tiefe Traurigkeit hatte mich erfasst. Unterschwellig. Nicht greifbar. Aber dennoch da.

Gestern ist er dann geplatzt. Der Knoten. Wie eine Wunde, die schon länger vor sich hin laboriert und dann bricht alles auf und es eitert. Und mir war wieder einmal klar, dass diese Narbe vielleicht irgendwann einmal schon zuheilen wird. Aber sie wird weder schön, noch unsichtbar und sie wird immer irgendwie weh tun.

Gestern abend brach mal wieder alles aus mir heraus. Ich hab so geweint. Ich konnte schon lange nicht mehr so weinen. Vor kurzem mal bei Johannes am Grab. Da kam ich und noch ehe ich die Kerzen anzünden konnte, lief plötzlich ein ganzer Sturzbach an Tränen los. Aber es war mir peinlich. Ich wollte weder so verheult in den Kindergarten mein Mädchen abholen, noch so zum Arbeiten. Also drängte ich die Tränen zurück, schluckte sie hinunter.

Das Weinen gestern tat irgendwie gut. Der kleine Muck fehlt mir so sehr. Ich bin schon wieder so wütend, fühle mich vom Leben so ungerecht behandelt. Und ich fühle mich so hilflos, weil ich nichts, nicht, nichts an der Situation ändern kann. Trauer ist wie ein langer Tunnel und ich hab keine Ahnung, wann da Licht kommt.

Hier ein Bild aus London, das gut zu meinem Empfinden paßt. Dunkel, trist, nackt. Kalt und karg und tief unten.

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Kürzlich bin ich Streife gefahren. Die Sonne hat so herrlich gescheint. Wir fuhren durch die Innenstadt und all die Mamis mit ihren Kindern in den Buggies rumlaufen zu sehen… wenn dann noch eine um die Ecke fuhr mit nem Kinderwagen und nem Geschwisterboard dran, wars vorbei. Ich könnte grad nicht mit meinen Kindern zum Bummeln gehen. Genau aus diesem Grund. Das geht (noch) nicht.

Ich habe angefangen, die Geschichte des Löwenbabies aufzuschreiben. In allen Facetten. ich hoffe, ich bekomme es fertig. Wünscht mir Glück und einen lange Atem. Geduld ist nicht meine Stärke. Aber ich hab das Gefühl, ich bin es mir und vor allem Jo schuldig.

Johannes Apfelbaum blüht. Er sieht richtig hübsch aus. Aber es tut mir in der Seele weh, das er ihn nicht mehr sieht. Wir nicht mehr drunter liegen können. Heute möchte ich noch mein Versprechen einlösen, das ich ihm letztes Jahr gegeben habe. Ich bring ihm ein paar blühende Zweige mit.

Es grüßt euch herzlich

die Löwenmama

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5 Antworten to “„Mama, was ist gestorben?“ …”

  1. Seelentor Says:

    meine liebe Löwenmama,
    ich denke so oft und so viel an Dich, an Euch auch wenn es gerade sehr ruhig um uns ist. Hier passiert auch gerade so viel und ich habe nicht mal die Motivation in Püppies Blog zu schreiben.
    Doch jetzt wo ich Deine Zeilen lese möchte ich Dich gern in den Arm nehmen. Vielleicht magst Du die Tage ja mal telefonieren, ein kleiner Ausgleich zu einem Kaffee den ich viel lieber mit Dir zusammen trinken würde, lässt es sich dabei doch viel besser reden…
    Ich grüße Euch lieb und schicke besonders Dir eine feste Umarmung…Deine Mama Seelebtor

  2. UteP. Says:

    Liebe Doris,

    er SIEHT den Apfelbaum!!!

    Liebe Grüsse

    Ute

  3. Maren Says:

    Einen schönen 1. Mai, liebe Löwenmama.

  4. Blogolade Says:

    Ich glaube fest daran, dass wir irgendwie wieder geboren werden. Dass wir uns nicht auf einer Wolke langweilen müssen sondern wieder auf die Erde kommen wenn wir bereit sind dafür.

  5. Fränzi Says:

    Liebe Löwenmamma, du hast eine wundervolle Art zu schreiben! In jeder Zeile finde ich mich wieder und doch könnte ich meine Traurigkeit nicht so ausdrücken. Meine Tochter hat das Down Syndrom und ist im September 2011 an Leukämie gestorben. Sie wurde nur 4 Jahre und 4 Monate. Ich wollte dir nur sagen , wie sehr ich mich durch deine Worte getragen fühle,auch wenn ich selbst kaum etwas tröstliches schreiben kann. Ich kenne den Schmerz, das Gefühl überannt zu werden zu gut. Manchmal hat man tausend Dinge zu tun, so viele Ideen und dann ganz plötzlich… Wumm , alles fällt zusammen. Meine Mutter sagte etwas sehr tröstlich. Sie meinte, vielleicht sind unsere Kinder jetzt sehr glücklich, weil sie auf uns aufpassen können und ihre Aufgabe ohne Leid und schmerzen erfüllen können.
    Liebe Grüße
    Fränzi mit Pia

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