Trauer ist auch ein Arsch

Trauer ist auch ein Arsch, finde ich.

Ich fühle mich nicht so, als könnte ich Johannes Tod irgendwann überwinden. Ich fühle mich auch nicht so, als wäre es einfach unterschwellig vorhanden und ich bin zuerst traurig und dann weicht es Stück für Stück und alles ist (fast) wieder gut.

Ich habe mir nie genaue Gedanken darüber gemacht, was Trauer mit einem macht, wie sie sich anfühlt, wie man halt so trauert. Aber ich glaube, ich hatte schon irgendwie so ne Vorstellung davon. Vielleicht so in der Art, dass es erst schwer ist und dann immer leichter wird.

Aber so ist das nicht. Zumindest nicht bei mir. Mir geht`s zuerst sowas wie wirklich gut, weil ich sehr beschäftigt bin und dann fühle ich mich von meiner Trauer immer sehr distanziert. Das ist ganz praktisch, weil man leistungsfähig ist. Dann ist der Gedanke daran, dass ich mal ein Baby hatte und das jetzt tot ist, aber sehr abstrakt. Das fühlt sich an wie „nicht wahr“. Ich weiß, es ist wahr, aber es fühlt sich an wie eingebildet und nie gewesen. Seelenschontage.

Dann kommt die Phase, wo ich immer unruhiger und gereizter werde. Wo ich ein Ekel werde. Das macht mich gleichzeitig so unendlich traurig, weil ich so gar nicht sein möchte. Und dann beginne ich Johannes so unendlich schwer zu vermissen. Durchlebe manche Gefühle und Situationen nochmal.

Und dann fühle ich mich wie gelähmt. Bin nicht mehr leistungsfähig. Quäle mich durch die Tage. Habe keine Nerven. Schlage Zeit tot. Und hasse mich auch dafür.

Dann spüre ich nach ein paar Tagen, wie langsam sowas wie eine Last von mir abfällt und ich fange wieder an kreativ zu werden, gedanklich auch beweglicher, kann wieder etwas mehr leisten.

Bis ich dann wieder an dem Punkt bin, wo Johannes so weit weg ist, wie nie gewesen und ich mich im Hamsterlaufrad wiederfinde.

In den Leistungsphasen fühle ich mich ein amputierter Arsch, weil ich gar nicht mehr fühlen kann, dass ich den Löwen hatte. In der nächsten Phase fühle ich mich wie ein Arsch, weil ich mich wie ein Arsch aufführe. In der nächsten Phase, fühle ich mich wie ein Arsch, weil ich meinen Arsch nicht hochkriege und in der letzten Phase fühle ich mich nicht ganz so sehr wie ein Arsch, aber ich bin auf dem besten Weg dorthin.

Bin jetzt ich der Arsch, oder die Trauer?

Ich habe eben für mich beschlossen, dass die Trauer der Arsch ist.

Ich habe vorhin in einem Forum gelesen: „Mein Baby hat einen Zahn bekommen!“. Da war das alles wieder da. Mein Baby. Ja, da war doch eins. Ich hatte doch auch eins!! Und die Zähne waren eingeschossen. Aber durften nie rauswachsen. Ich hätte mich auch so sehr über einen ersten Zahn gefreut.

Stattdessen trab ich jeden Tag mit nem Arsch voll Kerzen auf den Friedhof und mach Licht. Mensch, da oben im Schlafzimmer steht ein Hochstuhl und ein Lauflernwagen. Zweiteres ein Geschenk von der Uroma und dem Uropa zum ersten Weihnachten. Heute hatte ich beim Misten für den Umzug erst die Rechnung dazu in der Hand. Der Hochstuhl ist unbenutzt. Da sollte er doch draufsitzen. Diese Bitterkeit kommt einfach immer wieder durch. Plopp. Schon ist sie da. Zuerst alles noch gut und schwupps, ein Satz, eine Bemerkung, irgendwas bestimmtes und diese Bitterkeit schmerzt im Herz, in der Magengrube.

Was ist uns da passiert? Was haben wir verdammt nochmal verloren?!

Ich vermisse diesen kleinen Stinker einfach so sehr.

Wir sind nicht alleine. Es gibt auch andere Eltern, die ihr Kind betrauern. Ein Elternpaar, das Kind hatte auch Mb Krabbe und ist vor kurzem zu den Sternen gereist, hat uns neben ein paar anderen sehr süßen Sachen ein Löwenlicht geschickt:

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Es brennt heute nicht nur für Johannes, sondern für alle kleinen Zwergennasen, die zu den Sternen gereist sind und uns Eltern, die mit dem Verlust irgendwie leben müssen.

Viele liebe Grüße

die Löwenmama

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8 Antworten to “Trauer ist auch ein Arsch”

  1. Regenbogen Says:

    Die Trauer ist der Arsch, keine Frage.

    Ich denke an Euch.

    Regenbogen

  2. regenbogenlichter Says:

    Die Trauer ist ein Arsch… aber irgendwann wirst du sie überwinden. Da bin ich sicher. Dann ist Johannes immer noch bei euch, in eurern Herzen. Mit all den Erinnerungen, sie werden dich aber dann nicht mehr so schmerzen. Sondern du wirst Wärme empfinden und Dankbarkeit für die Zeit, in der er bei euch sein durfte. Ich wünsche dir (euch) von Herzen, dass diese Zeit nicht mehr fern ist.
    Ute

  3. K. Says:

    Es tut mir so leid… *wein*

  4. Antje Says:

    Du hast es so treffend geschrieben. Und mir geht es sehr ähnlich.
    Mein Mann und ich haben uns darauf geeinigt, dass man den Tod des eigenen Kindes nicht verarbeitet oder auch überwinded. Vielleicht schaffen wir es irgendwann zu akzeptieren. Wobei das wohl auch Phasenabhängig sein wird wie du schon geschrieben hast.

  5. Anja Says:

    Ach du liebe… ich wünsche dir so sehr, dass es irgendwann mal zumindest ein klitzekleines bisschen besser wird und dass du es so empfinden kannst, wie „regenbogenlichter“ schreibt. Fühl´ dich umarmt!

  6. Nicole Says:

    Also ich persönlich finde…niemand ist der Arsch.
    Die Trauer nicht, denn ohne die geht es nicht…. es geht einfach (leider) nicht und leider ist sie eben zum wieder „Heilwerden“ sinvoll.
    Und Du bist auch nicht der Arsch!
    Der Arsch ist die Bewertung dessen, dass immer nach Erklärungen gesucht wird, wie man wann zu sein hat…oder eben nicht zu sein hat.
    Wie man zu fühlen hat, oder eben nicht…
    Vllt. versuchst Du nicht zu bewerten WAS Du fühlst?
    Selbstreflektion ja, aber nicht bewertend. Denn das ist ein Kampf ich gegen ich, den kann man eigentlich nur verlieren…..
    Wenn Du Dich gut fühlst ist das schön, Du sollst doch leben!
    Wenn Du gereizt bist, dann ist das ein Teil von Deinem momentanen Leben – auch das darfst Du sein.
    Wenn Du lahm bist und den Arsch nicht hochbekommst, dann ist das eben so. Darfst auch mal lahm sein, denn Du hast eine fürchterlich schwere Zeit hinter Dir.
    Und wenn das Loch kommt, dann falle hinein…..darfst Du, war alles Scheisse genug, hast genug durchlebt, da darf man auch in Löcher fallen.
    Darfst Du alles, ich finde nur nicht mit dem Blick von oben nach unten auf Dich selbst.
    Ich denke wenn man sich dabei bewertet, dann kommt das Arschfeeling – und den Arschtritt muss man sich selbst nicht antun!

    Es ist wirklich, wirklich schlimm, was Euch passiert ist.
    Es ist unendlich schlimm das ihr Euer Baby zu Grabe tragen musstet und das davor war auch schlimm, eigentlich fast nicht aushaltbar.
    Ich finde Dich unglaublich stark, dass Du daran nicht zerbrochen bist.

    „Es ist was es ist sagt die Liebe.“

    Ich grüsse Dich von Herzen!

  7. Anke Says:

    Huhu

    ich glaube, bisher hab ich es noch nie so treffend dargestellt gelesen wie bei Dir – ebenso fühl ich mich auch…. Mal denke ich, das war gar nicht so, da war kein Luca, und mit einem Mal ist es wie – patsch, alles wieder da….. besonders jetzt, wo es auf „unsere“ Tage zugeht ….

    Ich glaube, überwinden kann man das nie – bei uns sind es 5 Jahre und noch kann ich dir dazu nicht viel Hoffnung machen. Man lernt, damit umzugehen, damit zu leben – verarbeiten und überwinden – nein, eher nicht…..

    Und darum ist es so wichtig, immer wieder mal alles rauslassen zu können, hier – in Foren – bei Freunden – wo auch immer … es muss raus….

    Und ich finde schon, das Trauer ein Arsch ist….

    LG
    Anke / babyluca2002

  8. Motsche Kiebchen Says:

    Ich lese hier schon lange still mit und muss oft wenn ich mein Baby ansehe an Dich, Deinen Johannes und Euer Schicksal denken. So auch gestern, als ich den ersten Zahn im Mund meiner Tochter entdeckte … ich weine hier nach jedem Deiner Beiträge und bewundere Deine Stärke, nach der Du aber nie gefragt wurdest, sondern die Du einfach aufbringen musst.
    Irgendwann sagtest Du mal, dass Mb Krabbe ein Arsch ist und ich glaube DAS stimmt!

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