Ich und der dunkle, fensterlose Raum

Ich hab für mich beschlossen, dass ich morgen keinen Muttertag feiere. Ich mag den Muttertag sonst eigentlich ganz gerne – nicht wegen Geschenke, Blumen oder sonstigem Gedöns, aber irgendwie ist es ein netter Tag. Ich hab mich als Kind immer drauf gefreut, wenn Muttertag ist und hab meiner Mama den Tisch besonders schön gedeckt. Hab das sonst auch gern gemacht, aber an diesem Tag war es auch für mich etwas besonderes. 🙂

Am Muttertag selbst als Mutter war es mir an diesem Tag besonders bewußt. Ach ich weiß gar nicht genau, wie ich sagen soll. Liest sich alles bescheuert. Dieses Jahr kommt alles zusammen. Mein Großer ist bei meinem Ex. Er weiß, das Muttertag ist, aber für ihn hat er offenbar nicht diese Bedeutung. Das ist so, nicht zu werten und gut. Ich hab da etwas romantischere Vorstellungen davon, aber sowas kann man sich wünschen und wenn es nicht ist, ist es halt nicht. Mein Mädchen ist dafür noch zu klein und der Löwe sowieso und ich empfinde es als Hohn, dass ich ihn vielleicht nur diesen einen Muttertag lang in meinem Arm halten darf.

Mein Mädchen dreht grad schon wieder – warum auch immer – durch. Schmeißt alles rum, rüttelt an allem, ich weiß gar nicht, was ich machen soll, wenn sie so ist. Da fühl ich mich als absolute scheiß-Mutter.
Das Löwenbaby schaut in meine Richtung, aber durch mich durch. Ich haße mein Leben, so wie es gerade ist.

Mein Baby ist blind, es kann mich gar nicht mehr sehen. Mein Baby ist taub, es kann mich nicht mehr singen hören. Er hört das nicht mehr, was ich ihm alles von der Welt erzählen will. Irgendwann ist er nicht mehr da und ich kann ihn nicht mehr fühlen. Wenn meine beiden Großen nicht wären, würde ich, denke ich, mitgehen. Dann würden wir gemeinsam gehen, er in meinem Arm. Dann müßte ich ihn nicht allein lassen. Ganz sicher bin ich mir nicht, aber es ist auch egal, weil die Frage stellt sich ja nicht.

Ich hab seit einiger Zeit ein sehr genaues Bild von meinem Leben, wie ich es gerade empfinde, im Kopf. Es ist ein fensterloses Zimmer. Dieses Zimmer hat eine Tür. Diese Tür ist zu und ich sitz da drin. Erst wenn diese Tür aufgeht, kann ich raus aus diesem fensterlosen Zimmer. Diese Tür geht aber erst auf, wenn mein kleiner Löwe geht. Ich will da nicht drin bleiben, will aber auch nicht, dass sich die Tür öffnet. Ich weiß, dass ich da nicht für immer drin bleiben kann. Wenn ich rauskomme, ist aber nichts mehr wie vorher. Ich habe Angst davor, was außerhalb dieses Zimmers ist. Die Tür, durch die ich in dieses Zimmer kam, ist zugemauert. Es gibt kein zurück. Alles, was da draußen war, ist weg, anders, verwandelt. Ab und zu fühlt man sich in diesem Zimmer wohl. Man sitzt in der Ecke und läßt einfach den Moment verstreichen. Er ist perfekt, wie er ist. Das sind die Stunden mit dem Löwen in der Sonne unter dem Apfelbaum. In anderen Momenten aber geht man auf und ab und ist unruhig, wie ein Löwe im Käfig. Das ist das Unerträgliche. Dann wieder klopft man sachte an der Tür. Das sind die Momente, wo man ihm wünscht, dass der Schutzengel bald kommt und ihn holt, weil es ihm nicht gut geht. Dann widerum wünsche ich mir ein Loch, in das ich fallen kann. Das sind tränenreiche Tage. Aber diese Tränen müssen geweint werden.

Ich spüre zur Zeit so eine Furchtlosigkeit. Ich glaube, hätte ich jetzt Dienst und ich würde einem Schwerverbrecher gegenüberstehen der sich der Festnahme entziehen will, würde ich zu ihm sagen, dass ich nicht einen Funken Angst vor ihm habe. Das er mir mit keinen Schlägen, nicht mit Tod, nicht mit irgendwas auch nur annähernd weh tun kann. Ich hätte aber Angst, dass ich mich nicht im Griff habe und völlig ausraste. Also, arbeiten wäre jetzt gerade keine gute Idee. Steht auch nicht zur Debatte.

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